Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- Die Jüdin in der modernen Literatur
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 334 (sequence 15)
- Language
- German
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334 MENORAH und von ihr verzerrt werden, so steht Jettchen Gebert sittlich hoch über den späteren emanzipierten Jüdinnen in der Literatur, die nur Dienerinnen des Zeitgeists sind und zu ihrem Tun und Lassen nicht gebracht werden durch das Gebot von Blut und Schicksal. Das Fehlen jeglichen Prunken s mit der eigenen Veranlagung, der Besitz wahrhaft großer Gefühle, die nicht wurmstichig sind von überall bohrender Selbstanalyse, das macht Jettchen zu einer unmodernen, klassisch-tragischen Heldin. Ein besonderer Reiz liegt im Gegensatz zwischen dieser leidenschaftlichen Liebenden und ihrem äußerlich gleichsam mollig in Watte gebetteten, kleinen bürgerlichen Leben, dem beschirmten Dasein in einer reichen Judenfamilie — zwischen ihrer Kleidung von anno 1840, dieser lieblichen Unschuldstracht, zwischen ihrem zurückhaltenden und häuslich ruhigen Gebaren, zwischen ihrer so tief in Selbstzufriedenheit ruhenden Zeit und dem wirklichen Ablauf ihres Lebens, ihrem in Irrtümern verstrickten Liebesschicksal, das sie zwingt, sich für ihre Unzulänglichkeit dem eigenen hohen Liebesideal gegenüber selbst zu strafen, indem sie sich die stählerne Nadel in die junge Brust bohrt. George Hermann machte Jettchen zur Heldin eines idyllischen Trauerspiels und hat in ihr die Frau seines Volkes an Shakespeares Jessica gerächt. In einer anderen tragischen Idylle von peinvoller Wirklichkeit, in „Heinrich Schön Junior", wird uns eine völlig moderne Jüdin geschildert, eine Frau, die sich mit unsäglicher Gier ans Leben klammert, um alles zu besitzen, was es zu geben hat, und die an sich selbst zugrunde geht. Hier ist es Frau Antony, eine Jüdin bürgerlicher Herkunft, die, um ihren Eltern einen ruhigen Lebensabend zu sichern, den betagten Eduard Schön heiratet und sich in dessen Sohn Heinrich verliebt. Eine Don Garlos-Geschichte. Antony ist die moderne Intellektuelle, die sich im äußeren Leben völlig in der Hand hat, sagt, was sie aussprechen will, verschweigt, was sie verbergen möchte, tut, was sie im voraus überlegt hat, und unterläßt, was ihr gefährlich scheint. Sie ist gebildet, belesen, eine Frau mit Unterhaltungsgabe, und wie dereinst Madame de Stael fühlt sie sich am wohlsten bei elegant geführten, aber tiefgründigen Gesprächen über Dinge der Kunst. In ihrer Vorliebe für Literatur, für alles Künstlerische finden Antony und Heinrich einander und auch in einer gewissen, ich glaube wohl „jüdischen" psychologischen Scharfsinnigkeit, die sich damit ergötzt, fremde Charaktere zu enträtseln, in einer spielerischen und doch im Grunde trau-