Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- Die Jüdin in der modernen Literatur
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 330 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2912821-2912900-2912905-2925461--09241-2925580- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
330 MENORAH weisen, daß Europa selbst seine Exzesse gebiert und nicht sein Sünden - bock (man verzeihe die oontradictio in terminis), das jüdische Volk. Die am meisten ausgeklügelte und unwohlwollenderweise dargestellte Gestalt einer modernen Jüdin ist wohl Judith Fuchsyani in M. Donnays Schauspiel „Le Retour de Jerusalem". Diese Judith, die mit einem Christen verheiratet ist, kehrt zu ihrem Volk zurück, nachdem sie in Jerusalem die Unglücklichen gesehen hat, die an der Klagemauer beten: „Oui, du jour oü j'ai vu ä Jerusalem, priant devant les ruines du Temple, ce lamentable troupeau de mes correligionnaires que les persecutions avaient chasses du pays oü ils etaient nes, je me suis juree qu'en toute occasion et de toutes mes forces, je servirai ceux de ma race." Diese Frau ist eine in ethischer Hinsicht Gleichgültige, die Familien auseinanderbringt, Liebhaber einfängt und wegwirft und mit ihrem Wissen prunkt. „Elle a tout lu, eile sait l'anglais, l'allemand, 1'italien, Thebreu. Elle n'est pas seulement excellente musicienne, eile eonnait 1'harmonie." Des Autors böse Absicht ist es, diese Frau lächerlich zu machen, indem er sie mit ihren eigenen Gaben auftakelt, gleichwie man früher den Juden einen gelben Flicken auf den Mantel nähte und einen spitzen Hut aufsetzte. Gehässig ist die Tirade, daß sie nicht allein eine gute Musikerin sei, sondern auch die Harmonielehre kenne. Hiedurch soll die jüdische Vorliebe für theoretisches Wissen als etwas Lächerliches hingestellt werden, eigentlich als etwas Geschmackloses, das notwendigerweise ursprüngliche Schönheit tötet. — Judith ist, sofern sie schon eine Jüdin sein kann, in ihren Auswüchsen mehr das Abbild einer Zeit als einer Rasse, und ihre ehebrecherischen Neigungen darf man doch sicher nicht als jüdisch bezeichnen. Bei dieser Judith mußte ich immer an die große, wilde, den Geist mit ihrem Körper anbetende George Sand denken, die doch wahrlich keine Jüdin war. Eine sympathischere Interpretation der emanzipierten jüdischen Frau brachte uns die jüdische Schriftstellerin Lily Jean Javal in ihrer ,,Noemie". Noemie ist eine Jüdin aus reichem Hause, die sich bedrückt fühlt unter dem unverdienten, trägen Wohlleben in ihrem Elternhause und nach Paris geht, um Pflegerin zu werden. Auf die Dauer vermag sie's nicht auszuhalten in der strengen Disziplin eines Ausbilöungsinstituts, dessen Leiterin jeglichen individuellen Antrieb unter drückt. Sie wird eine aufopfernde Armenpflegerin in den Bezirken der Allerärmsten. In ihr zeichnet sich die moderne Jüdin ab als eine Frau mit übergroßem Unabhängigkeitssinn und zwingendem Bedürfnis, sich den leidenden Menschen zu widmen — aber als Person, nicht als