Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- Die Jüdin in der modernen Literatur
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 329 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2912821-2912900-2912905-2925461--09240-2925579- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE JÜDIN IN DER MODERNEN LITERATUR 329 das dramatischer, als wenn man diesen Frauen emanzipierte Nichtjüdinnen, Suffragetten beispielsweise, gegenübergestellt hätte, jedoch wäre jenes wohl fairer gewesen. Wahr ist aber, daß die Jüdinnen — und zu ihrer Ehre sei es gesagt — eine große Rolle bei der Emanzipation der Frauen im westlichen Europa gespielt haben und daß gerade sie von Freiheitsdrang stark ergriffen wurden. Kamen sie doch aus Familien, in denen die Frau dem Mann außergewöhnlich untergeordnet war, forderte man doch von ihnen allerhand Tugenden, am wenigsten jedoch Kenntnis der profanen Wissenschaften, indem man fand, daß ein mondänes Leben, wie es im Westein üblich, sie verunziere. Im Beginn des 19. Jahrhunderts stehen sogleich schon die unglücklichen, aber dennoch großen Gestalten der Berliner Salonjüdinnen, der Henriette Herz, der Rahel Varnhagen. Es liegt etwas verzweifelt Tragisches in der Gebärde, womit sie ihr Judentum wegwarfen und sich wie Opfertiere vor den großen Geistern des Westens entblößten. In der französischen Literatur begegnen wir der Emanzipierten in vielerlei Gestalt. Den nichtjüdischen Schriftstellern scheint die Frau dieser Art von vornherein schon sehr unsympathisch zu sein. Leben und Freiheit fordert sie mit einer Unbedingtheit, die die Gesellschaft aus den Fugen rückt und beleidigt; sie spreizt sich öffentlich mit ihrem Wissen und verkündet ihre Meinungen mit Nachdruck, anstatt sie ungemerkt in die Unterhaltung tröpfeln zu lassen. Natürlich wird hier in der Jüdin die moderne „femme savante" gerügt. Aber weil diese Eigenschaften der ,,femme savante" sich bei einer Fremden offenbaren, werden sie nicht dem allgemeinen menschlichen Typus in Rechnung gestellt, sondern dem jüdischen Volk in die Schuhe geschoben. Die französischen Literaten, die den Anschein erwecken wollten, als ob diese modernen Jüdinnen gegen den guten Geschmack ihres Landes sündigten, vergaßen, daß Molieres Philaminte, Armande, Belise (Femmes Savantes) keineswegs Jüdinnen waren, sondern Vollblutfranzösinnen ebenso wie Madeion und Gathos (Les precieuses ridicules). Und ich glaube, daß, wenn zur Zeit der Preziösen Jüdinnen in den Kreisen dieser Französinnen verkehrt hätten, diese Jüdinnen verantwortlich gemacht worden wären für alle feministischen Übertreibungen in der intellektuellen Bewegung jener Tage des 17. Jahrhunderts. Nun aber kann eine Zeitströmung, wie die der Preziösen uns be-