Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- Der Antisemitismus im Lichte der Psychoanalyse
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 317 (sequence 7)
- Language
- German
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ANTISEMITISMUS — PSYCHOANALYSE 317 hier nicht mehr nachzuweisen. Dennoch ist die psychoanalytische Erklärung nicht allzu schwierig. In der Massenpsychoiogie der Freudschen Lehre spielt die Identifikation mit einem gemeinsamen Ich-Ideal eine wichtige Rolle. Um eine Masse zu einer bestimmten Aktivität, zur Durchführung einer Idee aneinander zu binden, ist es nicht nur, wie wir bisher allein hervorgehoben hatten, erforderlich, die Aggressionstriebe ihrer Individuen nach außen hin abzulenken, sondern es muß noch etwas anderes dazukommen. Dieses andere ist die Bindung eines Teiles des zielabgelenkten Liebestriebes, der Libido, an ein gemeinsames Objekt. Dieses Ideal-Ich trägt meist die mehr oder weniger deutlich erkennbaren Züge eines Vaterersatzes, was aus der eingangs erörterten kindlichen Seeleneinstellung und ihren Resten beim Erwachsenen ohne weiteres verständlich wird. Wir sehen diese Erscheinung überall, wo Massen in Aktion treten: in einer Parteiversammlung dem Führer gegenüber, bei einem byzantinischen Volkshaufeii dem Herrscher gegenüber und in mancherlei ähnlichen Situationen. Mit Hilfe dieser unbewußten inneren Strebungen läßt sich auch das Zusammenhalten der letzten vorrevolutionären Feudalsclüchten erklären. Es wird uns deswegen nicht weiter wundern, daß man zunächst versucht hat, gewisse Kreise des Kleinbürgertums mit neuen Identifikationen dem früheren Herrscherhaus gegenüber zu erfüllen. Mit dieser seelischen Umstellung finden sich natürlich auch alle übrigen psychischen Begleiterscheinungen ein, die zum Wesen der früheren Feudalsclüchten gehörten, darunter auch der Antisemitismus. Tatsächlich ist auch ein großer Teil der zeitgenössischen Antisemiten gleichzeitig unter den immer noch herrschertreuen Hohenzollernverehrern zu finden. Ein wenig undurchsichtiger liegen die Dinge freilich bei den angeblich sozialistisch angehauchten Bestrebungen der Herren Hitler und Genossen (sogenannter Nationalsozialismus). Auch hier ist im Unbewußten zweifellos jene typisch kleinbürgerliche Haltung vorhanden, die die Politik als Mittel ansieht, um die Illusion zu nähren, als könnte man dadurch dereinst an die Stelle der jetzigen Machthaber gelangen. Hier tritt wieder der politische Hetzredner mehr direkt als Führer und Vaterersatz auf, weil er es ausgezeichnet versteht, in seinen Gefolgsleuten die Illusion einer unmittelbar bevorstehenden Machtsteigerung zu erwecken. Da diese politischen Gruppen jedoch wegen ihrer finanziellen Abhängigkeit von den herrschenden kapitalistischen Schichten nicht in der Lage sind, wirklich wirksam gegen diese Schichten und das ihrer Herrschaft zugrunde liegende System zu kämpfen, muß man ihnen unter dem Vorwand, die großen sozialistischen Par-