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Menorah · 1930-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1930) · p. Seite 318

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1930)
Article
Der Antisemitismus im Lichte der Psychoanalyse
Date
1930-07-01
Page
Seite 318 (sequence 8)
Language
German
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318 ME N O RAH teien erstrebten zwar dieselbe soziale Gerechtigkeit, aber auf dem falschen Wege, neue angeblich drohende Feinde als Blitzableiter ihrer Aggressionstriebe zur Verfügung stellen. Zu dieser Rolle der imaginären Gegner, die allgegenwärtig und doch nicht wirklich gefährlich sein dürfen (weil sonst sogenannte Realangst entstehen würde, die beim Schwinden der Gefahr ebenfalls entfallen würde), eignen sich die Juden von jeher besonders gut, weil sie überallhin zerstreut in fast allen gesellschaftlichen Schichten zu finden sind. Sie eignen sich aber für pseudosozialistische Tendenzen auch deswegen noch ganz vorzüglich zur Angriffs Scheibe, weil sich ein großer Teil von ihnen infolge der seit dem Mittelalter von ihren christlichen Mitbürgern künstlich gezüchteten Beruf sspezialiserung in kaufmännischen und finanziellen Stellungen findet, also auf Posten, die innerhalb des kapitalistischen Systems als besonders exponiert erscheinen müssen. So ist der Antisemitismus als wirksame Ablenkung des Aggressionstriebes dieser Menschen die wichtigste Vorbedingung zur Bildung und Erhaltung dieser Partei, die, größtenteils von einer Schicht bezahlt, die sie zu bekämpfen vorgibt, sonst gar keine realen xAngrill'sziele halte. Es spielt also der Antisemitismus bei den Nationalsozialisten etwa die umgekehrte Rolle wie bei der katholischen Kirche des Mittelalters: dort war er die Konsequenz des christlichen Liebesgebotes, das ein Ventil für die menschlichen AngrifTsstrebungcn notwendig machte: hier ist er die Voraussetzung des friedlichen Zusammenhaltens einer ihrer Interessenlage nach größtenteils heterogenen Menschenmenge; dort ist also der Zusammenschluß durch das ethische Gebot des Ich- Ideals das Gegebene und der Antisemitismus die Folge, hier ist der durch geschickte Drahtzieher genährte Antisemitismus das Gegebene und der parteimäßige Zusammenschluß die Folge. Nur so erklärt sich die paradoxe Tatsache, daß eine angeblich sozialistische Partei existiert, die ihren Gegnern dauernd in die Hände arbeitet, und deren Führer großenteils die Kapitalien zur Parteiorganisation von diesen Gegnern beziehen. Wir wollen uns nun nicht weiter auf die gewiß reizvolle Untersuchung dieser modernsten Spätblüte des Antisemitismus einlassen*). Abschließend können wir jedenfalls die Feststellung machen, daß die Erscheinung des Antisemitismus mit der eigentümlichen Wandlung ihrer Träger, obzwar nicht ausschließlich psychoanalytisch erklärbar, geradezu ein Schulbeispiel für die Brauchbarkeit der psychoanalytischen For- *) Es sei nur auf die entsprechenden ironischen Ausführtingen Siegfried Bernfeld's in seinem „Sisyphos" (Seite 104—106) verwiesen.

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