Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- Der Antisemitismus im Lichte der Psychoanalyse
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 316 (sequence 6)
- Language
- German
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316 MENORAII samer durchgeführt worden. Hier ist vor allem Frankreich zu nennen, aber auch England und Italien. Letztere beiden Staaten sind zwar formell bis auf den heutigen Tag Monarchien geblieben, doch ist der Einfluß der feudalen Hofschichten in beiden Ländern gegenüber dem Bürgertum nicht sehr groß. In England hat das Königtum seit der Zeit Cromwells, der in England die Emanzipation der Juden durchführte, nie wieder seine frühere absolute Bedeutung erlangt, und in Italien waren durch die frühere Zersplitterung des Landes und durch die Beseitigung der Partikularfürsten (im Gegensatz zur deutschen Einigung) die Gegenkräfte von Anfang an zu groß gewesen, um dem Königtum eine besonders feste Stellung zu sichern. Die schwache Haltung des italienischen Königtums mußte dieses Land zu einem so großartig gelungenen Diktaturversuch wie dem jetzigen geradezu prädestinieren. Nachdem durch den Weltkrieg das bisherige imperialistisch-kapitalistische Staatensystem Europas einen schweren Stoß erlitten hatte, setzte nun, eigentlich schon in einer zweiten Phase, eine neue soziale Umschichtung Europas ein, in der das Industrieproletariat an Macht und Bedeutung dauernd gewinnt. Die erste Phase dieser Entwicklung können wir in jene Zeit verlegen, in der es den großen Führern Engels, Bebel und Lassalle gelang, das Proletariat mit den Ideen eines Karl Marx vertraut zu machen und politisch fest zu organisieren. Eine Schicht wie diese, die unter dem ständigen Druck der wirtschaftlichen Schwierigkeiten mit dem letzten Aufwand an organisatorischer Energie um jeden Zoll der sozialen Besserung zu kämpfen hat, erkannte ihren Feind, das kapitalistische System, so klar als den wirksamsten Gegner ihrer Lebensinteressen, daß hier der Klassenkampfgedanke formuliert werden konnte. Nur durch diese Idee des Klassenkampfes war es möglich, eine so riesengroße Masse von Menschen zu friedlicher Zusammenarbeit zu binden, weil hier dem Angrilfstrieb dieser Menschen ein klares Ziel gesetzt war, und so wurden selbstverständlich alle antisemitischen Tendenzen bei diesen Menschen, soweit sie überhaupt noch vorhanden waren, als überholt, unzweckmäßig und zielverwirrend beiseitegeschoben. Nun wird es aber von besonderem Reiz sein, eine psychologische Erklärung für die Tatsache zu finden, daß es gewissen sogenannten Volksführern in allerletzter Zeit gelungen ist, nicht unbeträchtliche Teile des Kleinbürgertums von neuem mit antisemitischen Gedanken zu erfüllen. Zweifellos kann hier unsere bisherige Beweisführung nicht ausreichen. Denn ein kontinuierliches Erbe der spätmittelalterlichen Feudalzeit und noch weiter zurück aus der katholischen Kirche her ist