Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- Der Antisemitismus im Lichte der Psychoanalyse
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 315 (sequence 5)
- Language
- German
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ANTISEMITISMUS — PSYCHOANALYSE 315 drungenen Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Die feudale Schicht als solche hat, unbeschadet dieser individuellen rationalen Ausnahmen, dem Judentum innerlich stets feindlich gegenüberstanden. Es sind das alle die Kreise, die in mehr oder weniger enger Verbindung mit der Oberschicht des Feudalsystems stehen: der alte Reichsadel und als seine soziologischen Nachfolger die modernen Landadeligen und die Offizierskreise. Ihnen gesellten sich in der Zeit des Absolutismus die Schichten des ,,Beamtenadels' , das heißt der Regierungs- und Verwaltungsbeamtenschaft hinzu, die mit dem alten Feudaladel aus byzantinischen Gründen eine gesellschaftlich homogene Schicht bildeten. Im Gegensatz zu diesen mittelalterlichen Ausläufern sehen wir den Antisemitismus überall dort z u r ü c k t r e t e n, wo durch die Umgestaltung der gesellschafflichen Schichtung Europas neue lebenswichtigere und wdrsamere Angriffsflächen als die Judenschaft gegeben wurden. Diese Kreise rekrutierten sich in alter Zeit in erster Linie aus dem städtischen Bürgertum, das einen erbitterten Kampf gegen seine feudalen Unterdrücker zu führen hatte, und in neuerer Zeit aus dem klassenbewußten Proletariat. So ist es ganz natürlich, daß die ersten Bestrebungen zur Juclenemanzipation von den Schichten des B ü r g e r t u m s getragen wurden und natürlich am frühesten dort auftraten, wo das Bürgertum am fortschrittlichsten und am intensivsten gegen den Feudalismus eingestellt war: in den Hafen- und Hansestädten, wo eine weitblickende Kaufmannschaft die Führung in der Hand hatte. Diese Städte brauchten zu ihrer freien Entfaltung eine größere Machtvollkommenheit als die Binnenstädte (waren sie doch die ersten demokratischen Republiken im Deutschen Reich) und mußten sich deshalb besonders stark auf die Abwehr der ihnen feindlichen Stände konzentrieren. Unter dem Druck des ständig wachsenden Einflusses des städtischen Bürgertums sahen sich schließlich sogar die Fürsten des Absolutismus nach und nach genötigt, den Juden die formale Gleichberechtigung zuzuerkennen. Doch blieb in der Praxis die Gleichberechtigung insoweit stets auf dem Papier, als es sich um die Möglichkeit des Eindringens jüdischer Elemente in die Feudalschichten handelte. Der Offiziersstand und gewisse Beamtenstellungen waren ja im kaiserlichen Deutschland und in fast allen anderen Monarchien den Juden praktisch verwehrt, in den Staaten jedoch, in denen sich durch eine raschere Entwicklung der sozialen Umwälzung eine größere Volksmenge unter gemeinsamen demokratischen Idealen ..libidinös aneinander gebunden hatte", um mit einem Ausdruck der Psychoanalyse zu reden, ist die Judenemanzipation auch schneller und wirk-