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Menorah · 1930-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1930) · p. Seite 314

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Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1930)
Article
Der Antisemitismus im Lichte der Psychoanalyse
Date
1930-07-01
Page
Seite 314 (sequence 4)
Language
German
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314 MENORAH gen; es möge nur der Name Reuchlin als Prototyp dieser neuen Strömung genannt sein. Wir können also schematisch zusammengefaßt die Formel prägen: Jeder mittelalterliche Christ ein Antisemit. Diese Formel hatte im Augenblick der Spaltung der christlichen Kirche ihre absolute Richtigkeit verloren. Denn nun waren die Aggressionstriebe der im engeren Kreise untereinander Gebundenen, der päpstlichen Christen einerseits und der verschiedenen Gruppen der Reformation anderseits, im wesentlichen gegeneinander gerichtet, und es entfiel die Notwendigkeit, außenstehende NichtChristen als Zielscheibe der menschlichen Angriffslust zu benutzen. Wir können bei genauer Betrachtung sogar den Ausspruch wagen: Mit dem Auftreten Luthers und der übrigen Reformatoren war das ethische Gebot der christlichen Nächstenliebe in seiner Wirkung auf alle Christen gedämpft und teilweise aufgehoben, indem es praktisch nur zwischen den Angehörigen der einzelnen Gruppen der christlichen Kirche ausgeübt wurde. Wir sind bei der Erscheinung der Reformation etwas länger verweilt, weil zu diesem historischen Zeitpunkt die erste und entscheidende Bresche in die seit Beginn des Christentums gegebene antisemitische Einstellung fast der ganzen abendländischen Welt gelegt worden war. Es wird nun unsere Aufgabe sein, zu zeigen, welche Schichten der Völker den Antisemitismus beibehalten, beziehungsweise wieder aufgenommen haben, und welche anderen Schichten ihre Aggressionsneigung auf andere Objekte übertrugen. Die Erben des mittelalterlichen politischen Systems, die sich bis zum Ausbau des Absolutismus als Oberschicht behaupteten, waren die Feudalherren. Die Fürsten und Reichsritter des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit waren durch ihre politische Passivität so lange prädestiniert zur Beibehaltung des Antisemitismus, als sie nicht gezwungen waren, sich gegen neu aufwachsende Mächte des städtischen Bürgertums zu verteidigen. Und auch in dieser späteren Epoche behielten sie ihre antisemitische Prägung bei, so daß es fast den Anschein hat, daß die bloße Notwendigkeit zur Verteidigung gegen innersoziale Angrilfe nicht ausreichend ist. dem Aggressionstrieb der Menschen Genüge zu tun. Es wird uns deshalb ganz natürlich erscheinen, daß die Kreise, bei denen die Tradition mittelalterlicher Einstellung sich bis in die Neuzeit hinein erhalten hat, als die Hauptträger antisemitischer Tendenzen in Erscheinung traten. Die Einrichtung des Schutzjudentums (Hofnarren, Hofbankiers und reiche Steuerzahler) und der jüdischen Leibärzte ändert nichts an der antisemitischen Grundhaltung des protegierenden Adels. Es sind das die notge-

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