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Menorah · 1930-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1930) · p. Seite 313

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Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1930)
Article
Der Antisemitismus im Lichte der Psychoanalyse
Date
1930-07-01
Page
Seite 313 (sequence 3)
Language
German
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ANTISEMITISMUS — PSYCHOANALYSE 313 tismus sind. In dem Kampf zwischen Liebestrieb und Aggressionstrieb entsteht nun die vorhin erwähnte Erscheinung, daß, wo sich eine grö ßere soziale Gemeinschaft unter der Herrschaft des Liebestriebes zu sammengschlossen hat, der so verdrängte Aggressionstrieb sich außerhalb dieser Gemeinschaft ein Ziel setzen muß. Ob es jemals gelingen wird, den Aggressionstrieb des Mensehen in der Gesellschaft völlig zu sublimieren, erscheint zweifelhaft, und jedenfalls wissen wir es heute noch nicht. Nur soviel wissen wir, daß eine völlige Sublimierung des Aggressionstriebes in der heutigen menschlichen Gesellschaft noch nicht möglich ist, und so erklärt sich die immer noch restierende Feindschaft zwischen einzelnen sozialen Gruppen der Menschheit, Gruppen, die freilich im Laufe der Entwicklung immer größer und umfassender geworden sind. Wir glauben nun, die Tatsache dieser Gruppenfeindschaft genügend begründet zu haben, und wenden uns jetzt der Frage zu, wie sich mit Hilfe dieser Lehre die Erscheinung des Antisemitismus in ihrer Entstehung und in ihren weiteren Wandlungen erklären Die Entstehung des Antisemitismus ist unseres Erachtens durch Freud selbst in der vorhin zitierten Stelle hinreichend erklär! worden. Nachdem im christlichen Mittelalter die ganze christliche Well in einer universalen Kirche unter einem Regime der Liebe zusammengefaßt war, konnte die so aus der christlichen Welt vertriebene Angriffslust sich nur auf die Menschen entladen, die außerhalb der christlichen Kirche standen; das sind namentlich die Sarazenen und die Juden. Man könnte nun allerdings die Frage aufwerfen, ob nicht hiemit am Ende nur der Antisemitismus des Mittelalters erklärt sei. Die folgenden Ausführungen haben zu zeigen, daß es durchaus mög lieh ist, den Antisemitismus schlechthin, auch in allen Wandlungen, die er seit dem Ausgang des Mittelalters durchgemacht hat, verständlich zu machen. VV ar die Einheitlichkeit der mittelalterlichen christlichen Kirche die Ursache für die geschlossene Front der Angehörigen dieser Kirche nach außen, also auch für den einheitlichen Antisemitismus der mittelalterlichen Christen, so wird es uns verständlich erscheinen, daß mit dem Beginn der Reformation und dadurch dem Ende der Universalität der katholischen Kirche sich bereits die ersten Ansätze zu einer judenfreundlicheren Haltung bei einzelnen großen Geistern zeigten. Es ist für unsere Betrachtung nicht wesentlich, die Erscheinungen auf dieser Entwicklungsstufe in alle historischen Einzelheiten hinein zu verfolläßt.

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