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Menorah · 1930-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1930) · p. Seite 312

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1930)
Article
Der Antisemitismus im Lichte der Psychoanalyse
Date
1930-07-01
Page
Seite 312 (sequence 2)
Language
German
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312 MENORAH menfassung der Menschen zu einer großen Einheit, der Menschheit. Es sei der Sinn der Kulturentwicklung der ewige Kampf zwischen Eros und Tod, und es sei die große Schicksalsfrage der Menschenart, ob es ihrer Kulturentwicklung gelingen werde „der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden". Wir wollen uns hier nicht weiter auf die Erörterung der sehr komplizierten Verschränkung der beiden großen Gegner Liebes- und Todestrieb einlassen, sondern wir wollen einen wichtigen Mechanismus im Laufe des Kulturentwicklungsprozesses näher ins Auge fassen. Freud meint: „Es wird den Menschen offenbar nicht leicht, auf die Befriedigung dieser ihrer Aggressionsneigung zu verzichten; sie fühlen sich nicht wohl dabei/' und er deutet in diesem Zusammenhang die Tatsache an, daß sehr häufig nur durch gemeinsame Gegensätze nach außen eine kleinere Gemeinschaft nach innen zusammengeschlossen werden kann. Man wird hier lebhaft an das häufige Argument der Nationalisten erinnert, die Kriege seien ein gutes Mittel zur nationalen Zusammenfassung eines Volkes. Bei Freud lautet die Formulierung dieser Erfahrung: „Es ist immer möglich, eine größere Menge von Menschen in Liebe aneinander zu binden, wenn nur andere für die Äußerung der Aggression übrig bleiben.8. Und nachdem Sigmund Freud noch kurz auf die von ihm bereits an anderer Stelle vermerkte Beobachtung hinweist, daß gerade nahestehende Gruppen sich besonders heftig befehden, folgt nun der uns hier besonders interessierende Passus seiner Ausführungen: „Das überallhin versprengte Volk der Juden hat sich in dieser Weise anerkennenswerte Verdienste um die Kulturen seiner Wirtsvölker erworben; leider haben alle Juden gemetzel des Mittelalters nicht ausgereicht, dieses Zeitalter friedlicher und sicherer für seine christlichen Genossen zu gestalten. Nachdem der Apostel Paulus die allgemeine Menschenliebe zum Fundament seiner christlichen Gemeinde gemacht hatte, war die äußerste Intoleranz des Christentums gegen die draußen Verbliebenen eine unvermeidliche Folge geworden; den Römern, die ihr staatliches Gemeinwesen nicht auf die Liebe begründet hatten, war religiöse Unduldsam keit fremd gewesen, obwohl die Religion bei ihnen Sache des Staates und der Staat von Religion durchtränkt war. Es war auch kein unverständlicher Zufall, daß der Traum einer germanischen Weltherrschaft zu seiner Ergänzung den Antisemitismus aufrief. . VV ir glauben, daß diese Ausführungen Freuds von eminenter Bedeutung für die Einsicht in das soziologische Problem des Antisemi-

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