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Menorah · 1930-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1930) · p. Seite 277

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Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1930)
Article
Ein Dichter im Kriege
Date
1930-05-01
Page
Seite 277 (sequence 2)
Language
German
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EIN DICHTER IM KRIEGE 277 schau, wo ir den grüßten Teil seines Lebens verbracht hatte, für immer die klugen Augen, aus denen alles Wissen um menschliches Schicksal zu sprechen schien, End zwei Tage später bewegte sich allen Kosakenpatrouillen und Polizeikordonen der entfesselten russischen Kriegsdespotie zum Trotz - durch die Straßen der von Militär und von Flüchtlingen überschwemmten Stadl ein Leichenzug, wie er seit langem nicht mehr gesehen worden war: Zehntausende der Ärmsten und Allerürmslen Folgten in stummem Schmerz der einfachen Brei(ertruhe, welche die sterblichen Überreste des Mannes barg, dem das Leid dieser Armen den Tod gebracht, hatte. Dieser stumme Trauerzug war der Dank eines Volkes an den Dichter, der zu ihm stand. Demi in seinem dichterischen Werke gehörte Perez der Masse dieses Volkes ebenso wie in seinem Denken. Fühlen und Handeln. Seine Geschichten und Skizzen <in dieser räumlieh kleinsten Kunstform gab der Dichter sein Bestes, Tiefstes! waren in der jüdischen Gasse des Ostens deshalb so volkstümlich, weil sie ihren von Ghetto. Verfolgung und Armut bedrückten Bewohnern immer neue Quellen lebendiger Kraft erschlossen, an denen sich ihre nach menschenwürdigem Dasein dürstende Seele entzündete. In diesem Sinne gibt es wohl in der ganzen Welt kaum einen Schriftsteller, der so ..aktuell'* wie Perez ist. kaum einen aber auch, der zugleich so viel vom Mythos, dem tiefsten Seelenerbe der Menschheit ('mit dem gerade die jüdiische Masse am stärksten verbunden isti. lebendig zu machen vermochte. Schon in seinen ersten Skizzen und Erzählungen rollte der Dichter, der - auch das bezeichnend —• erst mit 'M Jahren in jiddischer Sprache zu schreiben begann, das soziale Problem des östlichen Ghettos auf: mit scharfem Auge erkannte er. daß der soziale Druck die so oft sentimental verklärte patriarchalische Gheltodevise ..Ganz Israel eine Brüderschaft" widerlegte. Lines seiner ersten Prosaslücke, die Skizzenreihe Reisebilder", ist auch die Frucht einer Reise durch das jüdische Elendsgebiet Polens, die er im Zusammenhang mit einer der vielen Enqueten unternahm, welche eine der grollten jüdischen Wohlfahrtsorganisalionen der damaligen Zeit durchführte. Nicht lange nachher wurde Perez in das Fürsorgeauil der Warschauer jüdischen Gemeinde berufen, wo er bis zu seinem Lebensende tätig war. Dort aber sah er in den wenigen Monaten des Krieges, die er erlebte, so furchtbare Greuel, dal.» sein ohnedies siecher Körper rasch hinweggerafVl wurde. Als der Krieg begann, gab es unter einer Reihe von lächerlichen Dingen (es sei an die ..ritterliche Geste"* des Kaisers von Österreich für die Freilassung des serbischen Generalstabschei's Putnik. an die wohl au^ den Judenverfolgungen zur Zeit des schwarzen Todes neu bezogenen Nachrichten über die Vergiftung von Brunnen durch die 'Franzosen, an die berüchtigten Bomben** auf Nürnberg erinnert) eine Groteske, die so hohnvoll war. daß der Welt sogar da> Lachen verging: das war das bekannte Manifest des russischen Zaren ..An meine lieben Juden**. Wie dieses Dokument zu werten war. das hat damals der deutsche Schriftsteller Kurt Aram in einem kleinen Buche sehr fein dargelegt: es bildet eine Oase in der Wüste der bestellten und - noch ärger — nicht bestellten deutschen Kriegsliteratur. Wie aber dieses Zarenmanifest vom russischen Obcrkommandierenilen Nikolaj Nikolajewilsch in die Tat umgesetzt wurde, das ist der Gipfel des Grauens. Der Großfürst ließ die gesamte jüdische Bevölkerung des russischen Kriegsgebietes im östlichen Polen und in Litauen, ohne Rücksicht darauf, ob sich Greise. Kinder. Kranke oder Schwangere darunter befanden, zusammenfangen und ins Innere des Reiches abtransportieren; wie dieser Transport geschah, läßt sich daraus ermessen, dal! Zehntausende von Juden damals zugrunde gingen; es isl auch erwiesen, dal.) viele Juden, besonders solche, die Geld oder Geldeswerl bei sich hallen, kurzweg von Soldaten und Offizieren ermordet wurden. In Weslpolen wurde wohl mit Rücksicht auf die Nähe Europas die Methode ein wenig anders

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