Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Ein Dichter im Kriege
- Date
- 1930-05-01
- Page
- 276 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2912821-2912900-2912904-2925203--09118-2925377- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
EIN DICHTER IM KRIEGE Erinnerungen aus Anlaß von J. E. Perez fünf zehntem Todestage Von E. G. Fried Es war im ersten Jahr des großen Krieges. Weder des ..Wunder an der Marne" noch das ..Cannae" in Masurien. weder die vernichtenden Niederlagen Österreichs in Galizien und Serbien, noch die deutsche Offensive gegen Warschau hatten die Entscheidung gehracht und man mußte auf allen Seiten daran denken, sich ihr eine längere Dauer des Krieges einzurichten. Damals setzte zusammen mit dem Stellungskrieg in verstärktem Maße die sogenannte ..Kullurpropaganda" der Mittelmächte ein, welche (»Heilbar der Sehmähoffensive der Entente ein Gegengewicht bieten sollte. Ein Zweig dieser deutschen Kulturpropaganda war die Entdeckung des Jiddischen, der Umgangssprache von etwa acht Millionen osteuropäischer Juden; die Verwandtschaft des Idioms mit dem Deutschen gab Anlaß zu begeisterleu Hymnen auf die Ostjuden als deutsche Kulturträger. Auch der deutsche Generalslabsehcf LudendorfF hatte damals das Bedürfnis, Jiddisch zu sprechen, und sein nach der Okkupation Polens erlassener Aufruf ..An die Jidden in Paulen" ist ein nicht uninteressantes Dokument, zumal da Herr Ludendorff, der ja gewöhnt ist. die Welt und die Dinge durch farbige Brillen zu betrachten, seit der Rückkehr von seinem mutigen Ausflug nach Schweden (bei dem it bekanntlich eine grüne Brille trug) die .luden nicht gerade durch eine rosafarbene Brille ansieht. Diese Entdeckung des Jiddischen führte zu einer Art von Konjunktur für die junge Literatur des jüdischen Volksidioms. Bisher hatte man außerhalb ihres Sprachkreises eigentlich nur einen ihrer Vertreter gekannt, den Arbeiterdichter Morris Hosenfeld, auf den Wiener, ein Literarhistoriker in England, zuerst aufmerksam gemacht hatte; auch in Deutschland konnte sich nur Rosenfekf (in einer guten Auswahl- Übersetzung von B. Feiwel) durchsetzen, die deutschen (bert ragungen von Werken Scholem Alejchems, Mendeles. Perez". Pinskis, die von Zlocisti. Meiseis. Buber. Nathan Birnbaum u. a. vorgenommen wurden, halten wenig Beachtung gefunden. Aber zu der Zeit, da das deutsche Armeeoberkommando das Jiddische entdeckt halte, ertfoß sich eine Flut von (Versetzungen aus der jiddischen Literatur auf den deutschen Leser, die Verleger welteiferten in Auswahlbänden und Anthologien, deutsche Zeitschriften brachten Sondernummern über das Ost juid'entum und seine Literatur u. dgl. Damals wurden ganz besonders die Skizzen und Erzählungen von Jizchak Leibusch Perez bekannt und in allen Tonarten gerühmt. Seit 15 Jahren lag eine ausgezeichnete deutsche Auswahl der Skizzen aus Perez' Flühzeil in der wirklich kunstvollen Übersetzung Nathan Birnbaums vor, aber niemand kannte sie. Etwa eineinhalb Jahre vor der ..Percz-Haussc" lehnte ein führender deutscher Verlag, d'er sich rühmt, die Weltliteratur in deutscher Sprache verbreitet zu haben, den Vorschlag, eine ihm vorgelegte Auswahl aus Perez' besten Skizzen zu bringen, mit der Begründung ab. daß er ..keinen Platz für uninteressante Ghettoschilderimgen" habe (derselbe Verlag beeilte sich idann. die Perez-Konjunktur anzunülzent. Und ungefähr um dieselbe Zeit erklärte ein dramaturgisches Schabsei Max Reinhardts, dem Perez* große dramatische Dichtung ..Die goldene Kette" vorlag, im Auftrage seines Herrn und Meislers das Stück in einem Ablehnungsbrief als „belanglos". Als jdd'och Perez' Werk anfing, außerhalb der Ghetlomauern Polens und Rußlands Aufmerksamkeit zu erregen, wußte der Dichter nichts mehr davon. Denn am 10. April 1915 schloß er. kaum (U Jahre alt, zu War-