Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Ein Dichter im Kriege
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 278 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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278 ME N ORAH Felix Nußbaum / Aus einer Judenyas&c in Antwerpen gehandhabt: dort wurden die gewaltsam evakuierten Juden nach Warschau hineingedrängt; was weiter mit ihnen geschah, darum kümmerten sich die Schergen des Cirol.ifürsten nicht. In Warschau aber hallen die Vertriebenen und Heimatlosen keine andere Hille zu erwarten als --- die Ausweisung und es gab nur eine Stelle, an die sie sich wenden konnten: idie jüdische Gemeinde. Tausende und abertausende Verzweifelter, Hilfloser, Hungernder umlagerten täglich das Amishaus der jüdischen Gemeinde in der Grzybowkagasse und alle drängten sieh um e i n e n Mann, um .lizehak Leibusch Perez. als läge es einzig in seiner Macht, allen zu helfen. So groß war das Vertrauen auf den Mann, dessen Dichternamen seit einem Vierteljahrhundert jeder im jüdischen Osten kannte. Und doch war der, an den sich alle wandten, nur einer unter vielen BeanUeu (wer ihn sah. hätte den untersetzten lebhaften Mann mit den raschen, aber stets eleganten Bewegungen eher für einen polnischen Gutsbesitzer halten können) und die jüdische Gemeinde von Warschau verfügte weder über die Mittel, noch über die soziale Krall, um einem solchen Ansturm von Not und Verzweiflung auch nur halbwegs begegnen zu können. Perez, den das Elend in allen seinen Formen umbrandele, war selbst verzweifelt ob der Ohnmacht, wirksame Hilfe zu leisten, l ud doch halt* er, obwohl selbst schon krank, wo er konnte; ebenso wie er früher einer ganzen Generalion von ostjüdischen Schriftstellern geholfen halte, sich ins Leben ihres Volkes durchzuringen (unter seinen Augen machte n. a. auch Schalom A s c h, heute ein jüdischer Romancier von Weltruf, seine ersten Schritte in die Literatur), so stand er Tausenden von Vertriebenen und Unglücklichen bei, das nackte Leben dem drohenden Untergang abzuringen. War doch für Perez in seiner Kunst wie in seinem Weltbild Leben der Urquell, von dem alles kommt. Aber dem furchtbaren Ansturm des Unglücks hielt der sieche Körper des Dichteis nicht stand und schwer lastete auf seinem Geist das Bewußtsein, nicht genug helfen zu können. ..Einer Epidemie kann man Herr werden, gegen den Masseuwahnsinn ist man machtlos" — war eines seiner letzten resignierten Worte. Bald darauf starb er — an dem Elend, das dieser Massenwahnsinn hervorgerufen halle.