Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Die Juden in der modernen Musik
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2912821-2912900-2912904-2925202--09112-2925372- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE JUDEX IN DER MODERNEN MUSIK 271 überhaupt der ganze Lebenskampf Mahlers bis ans Ende. In den anderen Sinfonien ist das Kontrastierende nicht geringer. Bezeichnend genug sind seine nachgelassenen Werke. Im „Lied von der Erde" und in der neunten Sinfonie (bis auf das Rondo) die herbe Weltentsagung, die sich in müder Resignation ans Herz der Erde wirft und aussehluchzt. Und die zehnte , unvollendete ist von einer bizarren Heiterkeit, von Laune und Scherz -erfüllt. So geht es in allen seinen Werken mit leidenschaftlicher (Wut durch Höhe und Tiefe, durch Lachen und Weinen, daß wir erschüttert vor diesem Doppelgesicht stehen und fragen. Das ,.Lied von der Erde** ist Mahlers tiefstes Bekenntnis. Musikalisch vielleicht <sein reifstes. Ist er da aus dem christlichen Himmel der achten Sinfonie mit der Natur wieder in Versöhnung getreten? Durch die Fluchl zu ihr? Mit Li-Tai-Pos ..Trinklied vom Jammer der Erde'* beginnt es. Dunkel ist das Leben, aber auch der Tod. Wohin soll man fliehen? Er preist den Wein, den Rausch, der uns vergessen macht. Die exotisierende Musik steigt zwischen trunkener Phrenesie und resignierter Schwermut auf und ab. Dann kommt das Lied: ,.Der Einsame im Herbst". Der Einsame klagt: ,.Es gemahnt mich an den Schlaf *. Die Iierbstmelancholie bricht mit blutender Verzweiflung hervor. In einer Art Andante zieht die Musik in schleppender Müdigkeit. Plötzlich aber bricht der heitere Sprühregen des Liedes ..Von der Jugend" herein. In dem Pavillon aus Porzellan sitzen die übermütigen Kreunde. Da sehen sie ihr Spiegelbild im See. Die Musik verschiebt sich nach Moll. Es ist das Spiegelbild von der vergangenen Jugend. Sie sind alt geworden und müssen Abschied nehmen. Im vierten Lied: ..Von der Schönheit" singt die Liebeslockung süß und von Blüten schwer. Ein Mädchen lockt einen der Knaben, die am Rande des Wassers mit den Pferden spielen. ..Ihre stolze Hallung ist nur Verstellung". Die Knaben spielen und die Pferde tummeln. Man sieht sie. aber es ist nur das fliehende Spiegelbild im Wasser. Eine chinesische Melodie wechselt mit einem Menuett. Dann kommt der ..Trunkene im Frühling". Ein Vogel singt dem Trunkenen. Aber er will nichts davon wissen. „Was geht denn mich der Frühling an. laß mich betrunken sein!" Er trinkt und schläft. Wilde Melodien rasen. „Der Abschied"" gibt den erschütternden Ausklang. Nacht zieht herauf, die Flöte verkündet es. Überall liegt Schlaf. „Die müden Menschen gehen heimwärts, um vergess'nes Glück und Jugend neu zu lernen". Der Freund nimmt Abschied von den Menschen. ,.Ich suche Ruhe für mein einsam Herz". Die Musik klagt. ..Allüberall und ewig, ewig blauen licht die Fernen".