Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Die Juden in der modernen Musik
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE JUDEN IN DER MODERNEN MUSIK 267 nicht mehr hatten. Man prüfe den ganzen italienischen Ye.rismo, der in ..Carmen*' sein Urbild hatte. Man wird zu kläglichen Ergebnissen gelangen. ..Carmen" konnte nur einmal geschaffen werden. Nur ein illustratives Beispiel: jener Chanson, den die Spanier die .TIabanera" nennen. Gitanella stimmt ihn an, nachdem die erschienene (.armen die Aufmerksamkeit aller auf sich gelenkt hatte. .Ja, die Liebe hat bunte Flügel" und: ,.üie Liebe von Zigeunern stammt". Diese Lebensmoral (oder Lebensunmoral) Carmens ist von einer musikalischen SuggestivitäL daß wir hier den Künstler Bizet am besten prüfen können. Im Zweiviertellakt steigt die Melodie sehnsüchtigschmachtend abwärts, mit halbversteckter Glut und Lockung, mit dem ganzen naturhaften „Raffinement''* (um es paradox auszudrücken) Carmens. Der Abschnitt ist chromatisch durchsetzt, wodurch die Musik jene charakteristische, schmeichlerische Färbung erhält. Die rhythmisch-wiegende Baßbegleitung schlingt sich kontrastierend in die Melodie und betont die verborgene II int-er absieht Carmens. Dann überrascht plötzlich der Wechsel von Moll zu Dur: Carmen zeigt oJTen ihre Absicht: ..Liebst du mich nicht, bin ich entflammt, und wenn ich lieb', nimm dich in acht." Der Chor wiederholt das erste Thema: „Ja. die Liebe hat bunte Flügel"', aber nicht in Moll, in der verhaltenen Absicht, sondern in Dur; in dem Ausdruck der Bestimmtheit. Nur Carmen singt sirenenhaft weiter in ihrem schmachtend-verführenden Ton und durchbricht die Bestimmtheit des Chores mit ihrer Verhehlung. Hier ist eine psychologische Charakterisier uiigsniusik geschaffen, wie wir sie nicht gekannt haben. Nicht aus der Intention: das ist Musik ohne Theorie. Es ist nicht zuletzt das Absichtslos-Psychologische dieser Musik, das Nietzsche erfaßt hat. Wer glaubt, er habe ..Carmen" aufgegriffen, weil sie seine einzige Waffe gegen Wagner gewesen sei. der täuscht sich über die Aufrichtigkeit Nietzsches. An ..Carmen" hat ihn ein Elementares gepackt: die Psychologie dieser Musik. ..Carmen" ist eine musikalische Wende. Mit den alten romantischen Elementen vielfach belastet, wächst die Oper in ihren entscheidenden Phasen heraus in Neuland. Man mag genug Gemeinplätze darin feststellen. Auf sie kommt es nicht an. Als Gesamtwerk steht sie neu. In diesem Sinne kann man Bizet als den ..französischen Wagner'" bezeichnen: als er der nordischen Romantik gegenüber die südliche Wirklichkeit betont hat. der an Bedeutung den Wagnerischen Ideen nicht nachsteht. So verstehen wir Nietzsches Enthusiasmus endlich kullurpsychologisch. Er hatte sich lange genug in der Un Wirklichkeit der Wagner-