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Menorah · 1930-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1930) · p. Seite 266

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1930)
Article
Die Juden in der modernen Musik
Date
1930-05-01
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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266 M ENORAH sondern das geschaffene Werk. Und wie der „Tristan" Wngners ans aller Theorie herausgehrochen ist. so auch „Carmen", sein absolutes Gegenbild. Man empfindet die Gegensätze zwischen „Carmen" und Wagners Musikdrama am besten, wenn man beides gegenüberstellt. Dabei fällt am ersten der ungeheure Unterschied der Motivik auf. Bei Wagner hatte das Leitmotiv die Bedeutung, Personen oder Handlungen zu charakterisieren, entweder wenn die Personen auftraten, oder wenn der innere Zusammenhang einen Hinweis auf sie erforderte. Bei Bizet ist es anders. Sein Motiv ist lediglich ein Bruchstück der melodischen Periode. Es dient der Idee, nicht der Person oder der Handlung. Es gibt ein Carmenmotiv, aber Carmen ist ja nur die Personiiikation des inneren Dämons, und so das Motiv. Bei Wagner ist es ein rein äußerliches Flickmittel, das wiederkehrt, wenn es zur äußeren Charakteristik gebraucht wird. Bei Bizet ist sein Auftauchen ein Inhärierendes. ein Schicksalhaftes, kein Gesetzmäßiges, das den äußerlichen Metamorphosen der Carmen ihre. bestimmte übermenschliche Konstanz verleiht. Es ist jenes Motiv, das sich in der Ouvertüre an die Maroia anreiht und den faszinierend dämonischen Charakter der Carmen grell beleuchtet. Erst noch das sonnig-heitere Milieu der Stierkämpfe widerspiegelnd, das Lied des Escamillo, bricht das düstere Motiv an. In dem aufschreienden Tremolo der Streicher stimmen Klarinette und Horn die fünf Töne an in tragischer Untermalung des Schmerzes und der Dämonie. Das ist. formal gesehen, die einzige Motivik, die sich durch die Oper zieht. Was man empfindet, ist dies: hier ist nicht nach einer Theorie des Musikdramas gearbeitet. Jene aufdringliche Gewißheit bei Wagners Leitmotiv wird hier angenehm durchbrochen. Man sage nicht, Bizet habe sich zu wenig mit Wagner beschäftigt, als daß er nicht noch zum gleichen Ziel gelangt wäre: zur dramatischen Musik. Bizet wäre nie dorthin gekommen, wenngleich er davon gesprochen hat. Was aber noch entscheidender an dieser Musik ist: sie ist „Stimmungsmusik". Sie flattert von Extrem zu Extrem, hält sich nie bei dem dramatischen Gedanken auf. sondern entlädt sich nach ihrer momentanen Notwendigkeit. Alle Vibrationen dieses grotesken Weibes, der jähe Wechsel von Heiß und Kalt, Leichtigkeit und Schwermut, Laune und Wallung, alles Auf und Ab zwischen Liebe und Haß. Hoffnung und Desperation. Zorn und Daseinsseligkeit: die ganze unheimliche Skala psychologischer Gegensätze und Farbenkontraste ist mit einer musikalischen Einfühlungsfähigkeit geschaffen, wie wir sie bis heute

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