Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1930-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1930) · p. Seite 255

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1930)
Article
Die Stadt der Toten
Date
1930-05-01
Page
Seite 255 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2912821-2912900-2912904-2925192--09077-2925356
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE STADT DER TOTEN 255 „Mutter! — Mutter!" — Es war das erstemal, seit sie beim Großvater wohnte. Mit einem Male riß der schwere Sohleier, der all die langen Jahre um Bejles Haupt gelegen war. Und sie sah . . . IL ine kleine, ärmliche Stube. Beim Fenster steht ein düsterer Mann: in dumpfem Schweigen — Bejles Vater. Hinter ihm ein helles Frauenantlitz — ihre liebe gute Mutter. Auf der Gasse draußen Schreien und Pfeifen, Klopfen und Klirren, wie der Sturm. Im Zimmer — drückende Stille. Die Töne nähern sich. Der Vater wird bleich. Mit wankendem Schritt geht die Mutier zum Bett und setzt sich nieder. Die Tür kracht und bricht. Der Vater faßt einen Stuhl, die Augen der Mutter werden tiefschwarz. Böslustiges Poltern und Pfeifen. Rote Gesichter und derbe Fäuste, Hacken und Hämmer. Der Vater trifft mit dem Stuhl ein Gesicht. Ein Hammer saust auf Vaters Kopf. Der Vater sinkt um. Die kleine Bejle überläuft es kalt. Ihre Zähne drücken sich aufeinander und die Lippen öffnen sich. Sie sitzt auf der Erde; ihr Blick wird starr. Mutters Gesicht verzerrt sich. Ein riesiger Mensch mit rotem Schnurrbart stürzt sich auf die Mutter und bedeckt ihren Mund mit der Hand. Bejle sieht einen großen Stiefel neben dem Bette. Ihr Blut erstarrt. Dumpf schreit die Mutter: „Chaim!" Vom Fenster her Hammerschläge, dumpf und weich. Die Mutter stöhnt: „Be-j-le!" In heißem Strom löst sich die Starrheit von den Gliedern der kleinen Bejle. Sie blickt auf den Fuß mit dem großen Stiefel. Ihre Zähm1 werden scharf. Sie kriecht am Boden näher und näher. Die Zähne schärfen sich mehr und mehr. Der Stiefel ist schon ganz nahe und die kleinen Zähne graben sich ein mit wildberauschter Freude. Ein kurzer Schrei. Der Stiefel hebt sich und die kleine Bejle schwebt in der Luft. Dann wird es finster und still.. . still .. . JLIer Sturm hatte seinen höchsten Grad erreicht. Es war kein Sturm mehr — in tollem Rasen stürzten sich die Elemente auf die erschreckte, wehrlose Erde. Die Seelen warfen sich auf ihre Grabsteine, rüttelten sie und rissen sie aus, als wollten sie die Totenstadt aus dem Antlitz der Erde ausmerzen. Die Welt schien zum Chaos zurückkehren zu wollen, aus dem sie entstanden, von dem sie sich — ach — so wenig entfernt hat. . . Von der Weide über dem Flusse tönt klagendes Wimmern: ..Mutter! — Mutter! .. ."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.