Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Die Stadt der Toten
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 254 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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254 MENOHA II .Die Julihitze war unerträglich. Den ganzen Tag warf die Sonne stechende Blicke auf die Erde, als wollte sie sagen: „Wer mir nicht ins Gesicht sehen kann, muß fort von der Welt!" Die Erde schien sich in w7eißen Staub verwandeln zu wollen. Endlich kam ein anderer Tag. Der Himmel bedeckte sich mit grünlichem Schleier. Schwer atmeten alle Geschöpfe die dicke Luft. Zornig schaute eine blutrote Sonne nieder. Schon am Morgen ging Bejle unruhig umher; zwischen ihren Brauen lag eine tiefe Furche, ihre Stirnfurche. Und als sie nachts auf ihrem Lager lag und das Klagen des Windes zwischen den Grabsteinen vernahm, da zitterte sie an allen Gliedern: Was ist dort draußen? Wessen Angst zittert in den Lüften? Wen quält man dort? . . . .,Großvater! Schläfst du, Großvater? .. . Man ruft mich, Großvater! Hörst du's? ... Nein, ich gehe nicht! W^as willst du dort, du? . .. Ich gehe nicht! Ich . .. gehe. . . nicht . . /* Leise öffnete sich die Tür und eine kleine weiße Gestalt huschte aus dem Zimmer. . . In dieser Nacht war die Welt in der Macht einer bösen schwarzen Hexe, die mit der Flut ihres grauen bösen Haares den ganzen Himmel bedeckte ... In dieser Nacht wurde der Friedhof lebendig, die Toten erinnerten sich ihres Lebens dort, in der Stadt der Lebenden, alles dessen, was sie gelitten und gelassen hatten. Und während die Stadt der Lebenden drüben wie ausgestorben lag und keines Lichtleins Glanz einen Blick herübersandte, war hier, in der Stadt der Toten, kein Grashalm ruhig. . . Ein schwerer Seufzer strich über den Boden. In den Lüften, wo die Häupter der Bäume düsterten, zog ersticktes Ächzen und gedrücktes Murmeln durch die Nacht. Zwischen den Gräbern rangen todwunde Vöglein mit dem Tode und schlugen mit sterbensmatten Flügeln an die Grabsteine . . . Pfeilschnell durcheilte Bejle den Friedhof und hastete zur Weide, die stumm und verbissen bald in den Abgrund tauchte, bald sich zum Himmel reckte. Mit Gier riß der Wind Bejles Hemd vom Leibe und preßte sich mit wilder Lust an ihren brennendheißen weißen Körper. Sie schwang sich auf die Weide, krampfte sich mit ihren kleinen Fingern an die flatternden Äste fest und blickte in den Abgrund nieder. Tiefes Dunkel. Von Zeit zu Zeit nur blitzt unten ein Silberstreif auf und vergeht rasch im tiefen Dunkel. Und dort unten im Dunkel ringt und schluchzt es, tobt und tost es wild und blutgierig. Bekannter Klang, geahnt — bekannt... Er ist schon einmal erklungen . . . Einst. . . Wann? Wo? . . . Bejles Mund entrissen sich zwei kurze Schreie: