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Menorah · 1930-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1930) · p. Seite 253

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1930)
Article
Die Stadt der Toten
Date
1930-05-01
Page
Seite 253 (sequence 13)
Language
German
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IRI
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DIE STADT DEPx TOTEN 253 streut. Die älteren Bäume sind trockener geworden und ein wenig schief, die jungen haben sich gerodegereekt und ihre starken, schlanken Glieder zittern vor Jugendlust. Der graue Bart des alten Dan ist fast weiß. Seine kleine, gerade Gestalt ist jetzt ein wenig gebeugt. Er besucht jetzt häufiger den Baum bei Malkes Grab und sitzt immer länger dort in tiefem Sinnen. Wenn er beim Weggehen über die Buchstaben auf dem Steine streicht, zittern seine Finger ein wenig und seine Lippen bewegen sich leise. Die Worte auf dem Grabstein sind etwas verwischt; doch für den Alten werden sie immer schärfer und deutlicher. Aus ihnen formt sich ein gutes bleiches Gesicht, traulich-alt, mit stillem Lächeln in freundlichen Augen. Sie schauen ihn an wie einst vor vielen, vielen Jahren .. . Bejle ist gewachsen. Ihr Gesichtchen ist länger, um die großen Augen liegt etwas Träumerisches. Bejle horcht auf etwas. Es ist schwer zu entscheiden, ob sie den Klängen der Außenwelt horcht, jenen Ewigkeitstönen von Himmel und Erde, oder ob sie in sich, in den Tiefen ihres Kinderherzchens, eine mächtige Stimme hört, die da braust und ruft. Noch ist der Ruf undeutlich, manchmal klingt er wie ein fernes Lied, manchmal braust er wie der Atem des Sturmes, dessen Wucht aus sich ersteht... Dan sah sie an einem heißen Sommerlage am Ufer des Flusses: nackt stand sie da, die Hände über den Kopf gekreuzt. Dann warf sie sich jäh in die graue träumende Flut. Der Alte erschrak; er vermeinte ein Wesen aus einer anderen Welt zu sehen, mit blinkender Haut und zarten Gliedern, die unmerklich bebten wie eine Saite. Als der blendende halb kindliche Körper in der Luft erglänzte und pfeilschnell ins Wasser flog, da entlief der alte Dan erschrocken und verstört, ohne zu wissen, warum er es tat. Er setzte sich ans Fenster seines Häuschens und wartete auf die Enkelin. Es sprach in ihm: ,,Das ist nicht mehr Bejle, nicht mehr dieselbe Bejle. Was wird sie sagen, wenn sie kommt? . . Nach einer halben Stunde wurde Bejle auf dem schmalen Pfade sichtbar, der vom Abhang beim Flusse zu Dans kleinem Häuschen führte. Ihre Haare waren naß und gelöst, das Antlitz leicht gerötet und der Blick müde. Langsam und anmutig wie eine Prinzessin bewegte sie sich mit leichtem Schritt der bloßen Füße über das weiche Gras. Auf den unsicheren Blick des Großvaters antwortete sie mit einem herzlichen Kinderlächeln. Dan wurde lebhaft: ,,Hast du gebadet? He? .. ." fragte er lächelnd. „Es ist heiß, ja, sehr heiß ..

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