Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Die Stadt der Toten
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 252 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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252 MENORAH „Aha!" sagte Bejle nachdenklich. So ging es durch einige Wochen. Die beiden Kinder lebten in einer eigenen Welt. Ein kleines Geschöpf zerstörte diese Welt und verlor dabei auch sein eigenes Leben. WTährend die Kinder einmal im Grase saßen, flog ein Vöglein an ihnen vorbei. Jaschek faßte es und hielt es an einem Flügel. Das arme Tierchen suchte verzweifelt, sich loszureißen, piepste jämmerlich und zappelte furchtsam zwischen Jascheks Fingern. Jaschek staunte und betrachtete das Schauspiel mit großer Neugierde. Bejle zitterte: „Laß los! Laß das Seelchen los!" rief sie ängstlich. „Was?" Jaschek verstand nicht und riß dem Vöglein einen Flügel aus. Bejle faßte ihn fest an der Hand. Jaschek wurde zornig: „Pusij!"7] schrie er und suchte sich loszureißen. Bejle ließ nicht los. „Du, du ... Tschort!"8) ächzte Jaschek, zerdrückte das Vöglein, warf es fort und versetzte mit der freien Hand Bejle einen Stoß. Bejle sprang auf. Ihr Gesicht war leichenblaß. Die blauen Augen wurden furchtbar finster und zwischen den halboffenen Lippen funkelten zwei Reihen weißer, scharfer Zähne. Die gruben sich lief in Jascheks Hand. Jaschek riß die Augen auf und staunte. Dann brüllte er wie ein Besessener. Als Bejle ihn endlich losließ, lief er laut heulend nach Hause. Mit funkelnden Augen und zusammengepreßten Lippen sah sie ihm nach. Nach diesem Vorfall ging Bejle ein paar Tage ganz verstört herum. Wie sehr auch der Großvater bat, er konnte nicht erfahren, was ihr fehlte. Dan war sehr besorgt und still betete er: „Herr der Welt! Erbarme dich meines Alters und ihrer Kindheit! Heile ihre Wunden! ... O, meine Tochter, meine Tochter! . .." Eine Woche war vergangen und Jaschek kam wieder. Er hatte alles längst vergessen und sein breites Gesicht lächelte weich und gutmütig wie sonst. Als ihm Bejle klar und deutlich auseinandersetzte, sie wolle mit ihm nichts mehr zu tun haben, ging er tiefbelrübt weg. Er konnte durchaus nicht begreifen, was für eine Sünde er begangen hatte, daß seine Kameradin ihm so böse war. Vergebens bemühte sich sein gedankenarmer Kopf, das schwere Rätsel zu lösen, das ihm Bejles Verhalten aufgegeben hatte... Viermal ist seither der Fluß gestorben und viermal hat ihn der Frühling wieder zum Leben erweckt. Viermal hat „Großmutters Baum'* seine grünlichgelben, herben Birnen lässig auf den Boden ge- 7) Laß los! 8) Teufel.