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Menorah · 1930-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1930) · p. Seite 250

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1930)
Article
Die Stadt der Toten
Date
1930-05-01
Page
Seite 250 (sequence 10)
Language
German
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250 ME N ORAH die ganze Masse und bewegt sich. In Hast und scheuer Eile jagen riesige Eisstiicke flußabwärts wie eine geschlagene Armee, ohne Ordnung, ohne Ziel. Die Sonne hebt sich immer höher und verfolgt die Fliehenden mit stechend heißen Pfeilen. Hie und da verfängt sich ein Stück Eis in einem Uferwinkel und stirbt eines langsamen, schmerzlichen Todes. Mit trauriger Angst blickt es zu den Gefährten hinüber, die wie toll vorbeijagen. Die letzte Eisscholle ist verschwunden. Welle um Welle jagt heran. Das Wasser verschlingt das niedrig gelegene linke Ufer und bricht in die Seitentäler ein. Bei Nacht hört Bejle vom Fuße des Berges her ein kurzes tiefes Gurgein, als unterdrückte der Fluß ein Lachen und risse sich kichernd aus starkfassenden Händen . .. Wieder hat das Leben seine leuchtenden Augen geöffnet. Hjs gab einen einzigen Lebenden, mit dem Bejle Freund zu sein versuchte. Das war Jaschek, das siebenjährige Söhnchen des Filip Karpenko, des Bauern, der drüben, jenseits des Flusses, ein kleines Häuschen bewohnte. Jaschek hatte eine niedrige Stirn, graue Augen, ein breites, kurzes Gesicht und weite Pluderhosen. Nie trug er einen Hut, und das weiße Flachshaar fiel ihm über die Augen tief ins Gesicht. Den Mund hielt er stets offen, und sein kleiner Finger weilte immer bei einem der beiden Nasenlöcher zu Besuch. Über alles, wras er sah, staunte er. Einmal stand Jaschek neben dem Friedhofszaun und guckte auf die grüngelben Birnen, die auf „Großmutters Baum" wuchsen. Er staunte wrie immer, und das Wasser lief ihm im Munde zusammen. In seines Vaters Garten wuchsen viele Arten von Birnen, aber solche nicht. Bejle ging am Zaun vorbei und blieb stehen. Jaschek staunte; Bejle lachte hell auf. „Er hat weiße Haare!" rief sie lachend und deutete mit dem Finger auf den Jungen. ,,Was?" fragte Jaschek und blickte sich um, spähend und suchend, auf wTen sie wohl deute. „Du hast weiße Haare, ich habe schwarze!" sagte Bejle nahertretend und zerwühlte ihr Haar. Jaschek streckte die Hand aus, um ihr Haar zu befühlen; er wußte noch immer nicht recht, was sie meinte. Bejle lachte wieder hell auf, und verlegen zog der Junge seine Hand zurück. Die beiden Kinder blickten einander an. „Gib Birnen!" platzte Jaschek plötzlich heraus und staunte.

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