Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Die Stadt der Toten
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE STADT DER TOTEN 249 Lang währt der Winter, so lang, daß der Sommer nur noch wie ein Märchen in den Gedanken dämmert. Bejle erinnert sich kaum noch des Flusses: dort, wo ihre Erinnerung ihn sieht, fliegen Schiilten dahin und Menschen gehen leicht und sicher vorüber, als wäre es immer so gewesen... Aus Süden haucht es feucht und weich. Der glatte, weiße Weg wird schlüpfrig und grau. Die Fußgänger gehen vorsichtig vorbei, klopfen mit Stöcken und horchen ... Die Wagen machen an manchen Stellen große Bogen; oft spritzt es unter den Rädern auf. Die Tage werden ein wenig länger. Der Fluß fordert Opfer: ein Mensch versinkt, ein Wagen bricht ein. Löcher und Gruben entstehen. Die Menschen halten sich eine Zeitlang scheu fern: der Schreck vor dem Auferstehen der Toten ist nicht geringer als der vor dem Todeskampf .. . Eines Nachts fährt Bejle aus dem Schlaf empor und fragt erschrocken: ,,Großvater, hörst du? Was ist das? ..." „Nichts, Kind, nichts . .. Der Fluß rührt sich." Den alten Dan hat es schon lange nicht schlafen lassen. Er raucht im Finstern seine Pfeife und räuspert sich oft. „Ha! Großvater! Was war das?" fragte Bejle erschreckt. „Hm — gar nichts!" — brummt der Alte und trinkt einen Schluck Wasser. Bejle fühlt, daß Großvater gar nicht so schlecht bei Laune ist. Doch weder er noch sie kennen den Grund der Freude. Der Fluß donnert, daß alle Fenster klirren und die Mauern beben, Bejle blickt mit weit aufgerissenen Augen in die finstere Nacht der Stube und meint zu sehen, was sie hört. Endlich bricht der Tag an, den sie ungeduldig erwartet. Sie eilt aus der Stube und fällt in die Arme eines linden Windes, der wie ein Sommerregen riecht. Unwillkürlich schließt sie die Augen. Dann läuft sie zur Weide und blickt zum Fluß hinab. Das Eis bewegt sich. Bejle bemerkt, daß unter dem Eise ein Riese kauert und sich bemüht, mit der Kraft seiner Schultern die schwere Decke zu heben. Das Eis biegt sich und berstet an manchen Stellen, dann senkt es sich wieder. Der gefangene Riese wird ungebärdig wild und in hellem Zorn verdoppelt er seine Kraft. Das Eis wehrt sich verzweifelt gegen die stemmenden Stöße; vergebens — es bricht und kracht. Eisstücke fliegen auf und fallen nieder wie tote Fische, den weißen Bauch nach oben gekehrt. . . Wasser fließt aus den Wunden, umspült das Eis, scheuert es und — verschlingt es. Plötzlich erzittert