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Menorah · 1930-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1930) · p. Seite 248

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1930)
Article
Die Stadt der Toten
Date
1930-05-01
Page
Seite 248 (sequence 8)
Language
German
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248 MENORAH Wahrhaftig: die Seelen schweben hernieder. Zart und weiß kommen sie von allen Seiten des Himmels, wiegen sich in der Luft und sinken dann weich auf das Kind; auf ihrem Haar, ihren Brauen und Backen hocken sie fröhlich, raunen ihr schelmisch ein Geheimnis ins Ohr und verschwinden huschend wie ein Lächeln. Und neue kommen, unzählig viele, wie die kleinen Sterne des Himmels. Wie im Rausch tanzt Bejle umher und hascht nach den weißen Blütensternen, die vom Himmel schweben. Dicht und dichter fallen die Flocken; der Boden wird grau, dann licht, und endlich birgt ihn eine seidigweiche Decke. Ihre Falten schmiegen sich an die Erde und raunen gütige Worte dem kleinen Kinderfuß zu, der über sie schreitet. Und nun gar der Fluß, Bejles lieber Kamerad! Mit ihm ist sie täglich beisammen; und nun sieht sie, wie er wild zwischen den weißen Ufern seine dunklen Fluten wälzt. Sie sind fast sclnvarz und blicken grimmig in Ahnung böser Tage der Haft. Kalt schneidender Wind pfeift von Norden her über den Fluß und der Fluß wird dunkelblau, zittert vor Kälte erschauernd, biegt sich und krümmt sich und ringt mit der Totenstarre, die seine mächtigen Glieder erfaßt. Immer schwächer wird der ringende Widerstand, schwer und schläfrig. Eines Tages schwimmt ein formloses, schmutziggelbes Eisstück auf dem Wasser, still und harmlos. Niemand weiß, woher es kommt. . . Bald werden es mehr, bald kommen viele auf einmal, schon schwimmt eine ganze Schar Eisstücke zuhauf, sie gleiten spielerisch durch die Wellen wie Wassergeister. Es knackt und knistert über den Fluß hin. Unter den Schollen, die den Fluß bedecken, reckt sich breit eine große hervor und die kleinen ducken sich kriecherisch vor ihr, machen ihr Platz und drängen sich aneinander. .. Der schwere Todeskampf des Flusses verscheucht die Menschen. Die Boote und Flöße verschwinden. Es wird still. Die große Scholle bleibt stehen, dreht sich langsam und weitet sich, zersplittert die kleinen Schollen und reckt sich ans Ufer. Um sie starren auf allen Seiten spitze Zacken, glasige Scherben von zertrümmertem Eis, ein Schlachtfeld mit zerbrochenen Skeletten. Wieder schweben kleine, wTeiße Seelchen nieder, legen sich in gütigem Erbarmen um die totstarren Zacken und decken sie. Und dann gibt es keinen Fluß mehr. Graue, kurze Tage lächeln schüchtern der Erde zu und verhuschen bald, wenn der Wind düstere Lieder pfeift; hungrige, frierende Wölfe heulen am anderen Ufer ein elendes Klagelied .. .

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