Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1930-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1930) · p. Seite 247

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1930)
Article
Die Stadt der Toten
Date
1930-05-01
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2912821-2912900-2912904-2925192--09069-2925348
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE STADT DER TÜTEN 247 vater wohnte, war sie vielleicht dreimal in der Stadt gewesen. Immer kam sie verstört heim. Wenn man einen neuen Bewohner zur Totenstadt brachte, versieckle sich Bejle zwischen den Gräbern und betrachtete aufmerksam, mit wilder Unruhe das Totengeleit, die Menschen. . . Sie erschienen ihr alle fremd und fern, wie jene Menschlein auf den Dampfern, die sie von der Weide aus sah. Es schien ihr, als seien es Menschenfiguren — und keine ganz einfache Bejle ist unter ihnen: sie tun so, als ob sie gingen, sprächen, weinten und lachten — doch das ist so mechanisch! . .. Großvater, der ist ganz anders. Er ist — der Großvater, Bejles Großvater. Sie weiß, wie er wirklich ist, ob er nun sich bemüht, böse dreinzuschauen, wenn er froh ist, oder froh zu scheinen, wenn sein Herz schwer ist. Ja, Großvater ist fast wie Bejle, doch die andern Menschen — nicht. Wenn aber der Elul kam, konnte Bejle keine Ruhe finden. Den ganzen Monat hindurch wogte und schäumte um sie das Leben. Immer und immer kreischten um sie die Rädchen in den sonderbaren Spielzeugen, drehten sich fieberhaft rasch; und die Menschen weinten, murmelten etwas und weinten wieder. In manchem Menschlein verhaspelten sich die Rädchen ineinander und standen einen Augenblick still; dann stieß das Menschlein ein ersticktes Stöhnen hervor und fiel wie eine Gliederpuppe vor dem Grabstein nieder ... Oft glaubte Bejle das Spiel zu verstehen. Vergessene Bilder und versunkene Klänge tauchten in ihr auf, fern und undeutlich .. . Und es gibt keine Ruhe vor ihnen! Wo ein Winkel und ein Hügel ist, da sind sie, und wohin sie kommen, vertreiben sie die lieben guten Seelen und tragen Unruhe in ihren heiligen Frieden. Bejle erschauerte. Erst wenn der Monat um, wenn die Feiertage vergangen waren und der Menschenstrom sich ins Tal ergoß, atmete Bejle wieder frei. Dann verließen die Seelen der Totenstadt für eine Zeit ihren Ort und schwebten zum Himmel empor. Ein Bangen blieb zurück. So ist der Herbst da. Er ähnelt dem Großvater; grau und grimmig schaut er drein, doch er ist gut im tiefsten Grunde. Auf den Friedhof senken sich schwermütige Nebel. Die Bäume werden mager und dürr. Die Weide murmelt, doch ganz anders, ganz anders als früher. Regen und Wind erheben sich. Fort ist der liebe blaue Himmel, fort. . . zurück!" schreit die kleine Bejle vom Fenster her und stürmt aus der Stube. roßvater, Großvater! Die Seelen kommen aus dem Himmel

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.