Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Die Stadt der Toten
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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246 MENORAH etwas ... ja, sie murmelt etwas! Bejle schwebt leicht und frei. Wenn sie Ii in abschaut, sieht sie, wie der Fluß ihr entgegenrollt, auf und ab. Dan sah sk1 einmal so schaukeln. Die Haare standen ihm zu Berge. So wuchs Bejle auf dem Friedhof heran. Säfte hoben sich vom Boden und llossen in ihre Adern, drangen in ihre Knochen und kräftigten sie. Die Sonne füllte und färbte ihre Wangen, wie sie die Apfel füllt und färbt. Blumen blühen und Vögel singen des Sommers Lied. Und die reinen stillen Seelen der einst so friedlosen Menschen schweben um Bejle und hüten jeden ihrer Schritte; sie Hüstern ihr ins Ohr: .J)u Kind... Du Mädchen . . . Mädchen . .. Kind . . Im EluL als auf das heiße, erregte Antlitz des Sommers die ersten Spuren der Müdigkeit traten, da wallte das Leben unten in der Stadt stärker auf, brandete an den Hügel mit stürmischen Wellen und ergoß sich in die Stadt der Toten. Vom Morgen bis in die späte Nacht zogen über den Weg, der die Toten mit den Lebenden verbindet, Scharen von Männern, Frauen und Kindern zu Fuß und zu Wagen, vom Friedhof und zum Friedhof. Das graue Tor unter dem spangrünen Dach stand breit ollen und das Leben strömte durch, das Leben als hungriges Bettlertum und als wohlgenährte Behaglichkeit. Beim Torweg stand eine Gasse von Bettlern und Krüppeln. Gekrümmte Greise und bleiche Weiber mit tränenverschwollenen Augen streckten ihre Hände aus, ächzten und murmelten mit scheuen Stimmen. Manchmal wurden die Stimmen voll, wenn einer mit dem andern um das Almosen stritt. Hart am Tore saßen an zwei langen Tischen Juden mit Tellern und Büchern. Zetteln und Büchsen und schrieben den ganzen Tag. Von allen Seiten des Friedhofplans, zwischen den Grabsteinen, aus den fernsten Winkeln drang Gebet und Weinen und Schreien empor, langes, wehes, kummervolles Schreien. Menschen stießen es aus in Weh und Kummer und Sorge. Die Seelen der Tolensladt erschraken. Von oben war strenges Gebot gekommen, den Friedhof den ganzen Monat hindurch nicht zu verlassen. Nun bargen sie sich in ihren Gräbern und hörten die Klagen und Sorgen, die alten Leiden und das alte Weh, dem sie längst entrückt waren. Auf den Gräbern und Gräsern, auf Menschen und Seelen lag starr und schwer ein zusammengewürfeltes Gemenge von Sonnengold und Menschenstöhnen. FZbenso w ie sich der alte Dan nicht an den Tod gewöhnen konnte, so konnte sich Bejle nicht in das Leben finden. Seit sie beim Groß-