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Menorah · 1930-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1930) · p. Seite 245

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1930)
Article
Die Stadt der Toten
Date
1930-05-01
Page
Seite 245 (sequence 5)
Language
German
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DIE STADT DER TOTEN 245 Holzbirnen zu essen. Keine anderen schmecken ihr so gut. Noch mehr Freude macht es ihr, einen Ast zu fassen und ihn zu schütteln . .. Die Birnen hüpfen herab, tanzen wie ein Ilagel um Bejle herum und manch schelmisches Birnlein versteckt sich im Grase und ist nicht mehr zu linden, mag's auch vor Bejles Füßen liegen. Bejles höchste Lust aber ist es, auf den alten Birnbaum zu klettern, der neben Großmutter s Grab steht. Sie steigt bis zum höchsten Wipfel, reißt die Birnen von den dichten Zweigen und wirft sie hinab, nach rechts und links . .. Die Welt sieht ganz anders aus, wenn man sie von der Spitze des Baumes besieht! Der Himmel weitet sich. Die Erde wird größer und der Friedhof kleiner. Die Siadt ist ganz deutlich zu sehen: sie sieht aus wie ein altes Kleid aus grünen, roten, weißen und vielen schmutzigen Lappen. Der Fluß ist groß und träumt so träge dahin! Wenn Großvater unten vorbeigellt, sieht er so klein aus! Und die Füße stellt er so eigenartig — es ist zum Lachen! — einen vor den andern und er selbst pendelt in der Mitte. . . Dan hört hoch über sich helles Lachen. Erschrocken blickt er empor. Selten gelingt es ihm, mit Bitten und Versprechungen Bejle vom Baume zu bringen .. . Wo der Abhang des Friedhofes zum Flusse abfällt, wäehs! eine alte, krumme Weide. Sie hängt über dem Abgrund. Doch sie steht fest; denn mit ihren Wurzelfingern hat sie sich tief in den Lehmboden gegraben und ihre langen, dünnen Wurzelfinger ineinandergeschhmgen. Der Wind wiegt ihre Zweige in liebendem Spiel. Und die Weide träumt in stillem Glück . .. Auf dieser Weide sitzt die kleine Bejle gar gerne und blickt auf den Fluß. Unten steht am anderen Ufer die dunkelgrüne Fährhütte. An ihren beiden Seiten wiegen sich Kähne und Flöße. Manchmal raucht ein Dampfer vorüber. Bejle guckt neugierig auf das Deck: da steht eine Bäuerin, in ein rotes Tuch eingewickelt. .. Neben ihr ein Mann in einem runden, steifen Hut, einen Zwicker auf der Nase. Wieviel verschiedene Menschen es doch auf der Welt gibt; bald grün, bald rot, mit Tüchern und Zwickern. Das sind wohl gar keine echten Menschen, das ist nur Spielzeug. Wie schön wär's doch, solch ein Spielzeug zu offnen und zu sehen, wie es innen aussieht! Da müssen Rädchen und Walzen und Zähne drin sein, wie in Großvaters alter Wanduhr, die einmal zu Boden gefallen ist und seither so krächzt... Sonderbare Geschöpfe, die Menschlein drüben und die Uhren . . . Manchmal verläßt Bejle den Stamm der Weide, faßt einen Ast und hängt sich mit den Händen an ihn. Die Weide wiegt sich und murmelt

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