Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Die Stadt der Toten
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE STADT DER TOTEN 243 ßig Jahre öffnet er stumm das alte graue Tor unter dem spangrünen Dach und läßt die Toten ein . . . Doch bis heute kann er noch immer nicht jene leichte Aufregung bezwingen, die ihn erlaßt, so oft die Totengemeinde um ein Mitglied reicher wird: ,,Wieder ist einer gestorben! Es isl ja ganz natürlich, denn so hat Gott die Welt geschaffen; doch . . .*' Und während die Diener Erde über dem Grabe auf schütteln, die Waisen das Totengebet sagen und die Menge ihnen in einer gewissen Spannung zuhört, ist das zerfurchte Gesicht des alten Dan erregi and feierlich. Etwas Bedeutsames isl geschehen: ein Mensch ist hingegangen, um Rechnung zu legen ... Der Erdlüigel wächst und das Volk zerstreut sich. Dann erst tritt der Alte nahe an das Grab, betrachtet es aufmerksam, sieht zu den Grabnachbarn hinüber — und wird ruhiger. Ein paar Wochen vergehen: auf dem frischem Hügel ist ein Grabstein gewachsen. Dan verzeichnet ihn in einem Buche und von dem Menschen ist nichts übrig als ein Name ... Namen, nur Namen . . , dreißig Jahre! . . . Einmal freilich, da war das Häuschen nicht so leer! Söhne. Töchter, Schwiegertöchter und Schwiegersöhne wohnten darin. Alles fort, zerronnen wie Wasser! Einige sind tot, andere in Amerika, andere — Gott weiß wo! Nicht gar lang ist's her, da hat noch Dans Frau gelebt. Da war es doch in dem kleinen Häuschen viel traulicher als jetzt.. . Aber vor etwa drei Jahren, als man nach der Geschichte die kleine Bejle herbrachte, da ging's zu Ende mit der Alten. Zwei Monate nur vergingen seit dem Tage und sie zog aus der Stube, dorthin, unter den alten Birnbaum, neben dem Zaun . .. Wenn es dem Alten gar zu sehr das Herz abdrückt, da schleicht er leise, daß Bejle nichts merke, zum Baum. Er liest, als wäre es zum ersten Male, die Inschrift auf dem Grabstein: ,,Frau Malke, Salmans Tochter." Dann setzt er sich neben das Grab. Im Kopfe drängt sich etwas, nicht Gedanken, eher närrisches Zeug; und das Herz zittert ein wenig. Einmal merkt es der Alte. Neben Malke ist ein so schönes Plätzchen, ein stiller, friedlicher Winkel! Doch—sein Ruheplatz wird ja dort sein, zwischen den Männern! Bevor er das Grab verläßt, fährt er jedesmal liebkosend mit den Fingern über die Buchstaben des Grabsteins. Dann geht er langsam dem Hause zu .. . So wohnt der alle Dan mit Bejle, seinem Enkelkinde. Als sie in die Totenstadt kam, war sie still und scheu und ging wie traumwandelnd umher. Jetzt aber klingt ihr Lachen durch den stillen Ort der Heiligkeit. Sie hat schwarze Locken und in ihrem blassen Gesichtchen leuchten zwei hellblaue Augen. ..Ein KönigskindT' geht es dem Alten