Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Die Stadt der Toten
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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242 MENORA H vielfältiger Architektur gebaut, bewacht von hohen und niedrigen Grabsteinen. Über den ganzen Friedhof sind die Totenhäuschen zerstreut; frisch aufgeworfene braune Gräber wechseln mit wild umwucherten aligrünen Erdhügeln; bald stehen sie in geraden Reihen, bald sind sie durcheinandergeworfen wie die Würfel eines Knöchel - spiels. Tintenbäumehen und Friedhofbirnen recken sich schattend aus dem grünen blumenbesäten Plan... Lustig und leicht schweben die Seelen, ohne Furcht vor Sonne und Tag, im weiten umzäunten Friedhofsraum. Manche lustig-dreiste schwebt über den Zaun hinüber ins freie Feld. Mit ihren Flügeln streicht sie sanft über die Köpfe der träumenden Ähren und kehrt mit still-freudigem Lächeln zurück zum Frieden der Totenstadt. .. Manchmal betritt ein Lebender die Totenstadt oder geht nahe am Zaun vorüber. Da verschwinden die Seelen eilig. Und nur der Schauer, der durch die Seele des Lebenden zieht, läßt ihn ahnen, da!3 die Seelen der Toten hier geweilt... Wenn der alte Dan, der Wächter der Toten - ruhe, mit Hacke und Schaufel durch sein ,,Revier" streift — die Schaufäden seiner Arbakanfoth laufen wie Herolde ihm voraus —. da verstecken sich die Seelen hinter den Grabsteinen und gucken ungeduldig hervor; sie warten, bis er geht und ihnen Platz macht. Ein einziges lebendes Wesen scheucht die Seelen nicht fort. Wenn die kleine Bejle, Dans Enkelin. — sie ist kaum neun Jahre alt — zwischen den Gräbern umhertollt, dann vereinen sich die geläuterten Seelen mit den Sonnenstrahlen und dem leichten Windhauch vom Felde her — und alle zusammen streicheln das Kind, spielen mit Bejles schwarzen Locken, jagen und haschen und fangen sie, lassen sie los und fangen sie wieder. Und Bejle tollt zwischen den Grabsteinen, tanzt und springt und klatscht in die Hände. Sie spricht etwas und lacht: ihr Lachen klingt durch die Stille wie ein helles Glöckchen in weiter Wüste. . . Der alte Dan hört ihre Stimme, beugt sich aus dem kleinen Fenster und ruft: „Bejle! . . . Bejle! ... Mit wem sprichst du, Kind? . . ." Sie hört ihn nicht und verschwindet zwischen den Gräbern. Mit finsterem, bekümmertem Blick schaut ihr der Großvater nach und seufzt; schmerzlich murmeln seine Lippen: .,Kind! . . . Lieb Kind!... Wie wird das werden? .. ." JL/er Mann an der Schwelle des Todes, das Kind an der Schwelle des Lebens — das sind die Hüter der Totenstadt. Dreißig Jahre wohnt der alte Dan in dem kleinen Häuschen mit den blinden Fenstern. Drei-