Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Die Gegensätze zwischen dem Judentum und der Lehre Jesu
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 231 (sequence 9)
- Language
- German
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DIE GEGENSÄTZE ZWISCHEN DEM JUDENTUM 231 langen in dieser Welt, und in der zukünftigen Welt das ewige Leben". Also glaubt auch er nicht, daß Privateigentum und Armut aus dieser WTelt verschwinden werden. Ausdrücklich sagt Jesus in Bethanien: „Ihr habt allezeit Arme bei euch!"28) Seine negative Haltung zum Reichtum entstammt vielmehr jenem unpolitischen und antikulturellen Standpunkt, der sich in der ersten Zeit des Christentums in der Form der ebjonitisch-komniunistischen Bewegung äußerte. Ihr verdankte er, daß ihn die Jakobiner der französischen Revolution .,le hon Sansculotte" nannten, während die modernen Bolschewisten ihn als ,,den großen Kommunisten" bezeichnen — obwohl Jesus, der sich gegen den aktiven „Kampf wider das Böse" ausgesprochen hat, dem furchtbaren Morden der französischen und dem noch furchtbareren der russischen Revolution wohl kaum zugestimmt hätte. Doch steht zweifelsfrei fest, daß sich in seiner ganzen Lehre keinerlei staalserhaltende sozial regulative Elemente finden. Das Judentum jener Zeit aber hatte nur ein Ziel: die kleine Nation, die Bewahrer in großer Ideale, vor dem Untertauchen im Meere der heidnischen Kultur zu retten, damit sie imstande sei, langsam und allmählich die ethischen Lehren der Propheten im politischen Leben und in dieser Welt durch die Mittel eines jüdischen Staates und Volkes zu verwirklichen. Deshalb mußte das Volk als Ganzes in Jesu sozialen Idealen eine sonderbare und sogar gefährliche Schwärmerei sehen, und seine Mehrheit, die den Pharisäern und Schriftgelehrten (Tannaiten) als den Führern der Volkspartei folgte, konnte unter keinen Umständen seine Lehre annehmen. Diese Lehre führte, obwohl sie vom Geiste des prophetischen und zum Teil auch von dem des pharisäischen Judentums beeinflußt war, einerseits zur Verneinung aller praktischen und religiösen jüdischen Lebensnotwendigkeiten, und steigerte andererseits das geistige Judentum zu einem solchen Extrem, daß es geradezu in seinen eigenen Gegensatz dialektisch umschlug. So ersteht vor uns das merkwürdige Bild: das Judentum brachte das Christentum in seiner ursprünglichen Form (als Lehre Jesu) zur Welt, aber es verstieß seine Tochter, als diese die Mutter in einer tödlichen Umarmung ersticken wollte. A n m e r k u n g e n: Die hier bezogenen Seitenzahlen betreffen die bezüglichen Seiten des Werkes „Jesus von Nazareth". *) Markus 2, 21—22. — 2) Aboth 4, 20. — 3) Matth. 13, 44—52. — 4) Eine andere Version: ">] ßaTtXsia. — *) Matth. 13, 52. — G) S. oben S. 508. — 7) Zusatz zu Lukas 6, 4, in Codex Bezae; s. A. Resch, Agrapha, 2. Aull., 1906, S. 45—48 und