Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Die Gegensätze zwischen dem Judentum und der Lehre Jesu
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 230 (sequence 8)
- Language
- German
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230 ME N ORAH Viele Gelehrte vertreten die Ansicht, daß das Lukas-Evangelium den Ebjonitern, der judenchristlichen Urgemeinde, geistig nahestehe und daß daher alle seine Zusätze, die Matthäus nicht hat, eine bewußt cbjonitisch-koinniunistische Tendenz zeigen21). Dagegen ist einzuwenden, erstens, daß Jesu Lehre schon von Anfang an eine gewisse kommunistische Tendenz gezeigt haben muß, weil sonst nicht der Entschluß zur Gütergemeinschaft der erste Schritt der judenchristlichen Urgemeinde hätte sein können22); auch wäre dann nicht Jakobus. Jesu Bruder und das Haupt dieser Gemeinde, ein so ausgesprochener Ebjonite und Asket gewesen. Zweitens berichtet Clemens von Alexandrien23), daß die Tendenz zur Enthaltsamkeit von irdischen Genüssen und die Abschaffung des Privateigentums schon in den ersten Anfängen des Christentums sehr eng miteinander verknüpft waren und daß die Vertreter dieser Tendenz Jesus als ihren Lehrer und ihr Vorbild betrachteten. Schließlich hat das Wort: ,,Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer!" den natürlichen Klang der Echtheit und entspricht auch dem späteren Ausspruch: „Selig sind die, die da darben", und seine Umkehrungen: „Wehe euch, Reichen, denn ihr habt euren Trost dahin", und: „Wehe euch, die ihr voll seid, denn euch wird hungern". Hingegen klingt die Lesart: ,,Selig sind, die da geistlich arm sind" (ol tttw^oI tw rrvs^om) im Sinne von: die nach dem Geiste dürsten, und jene: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit"24), durchaus unnatürlich. Das sind künstliche Ausdrücke, die Matthäus prägte, nachdem das Christentum viele heidnische und wohlhabende Anhänger gewonnen hatte. Das Gleichnis „von dem reichen Mann und dem armen Lazarus", das nur in Lukas25) steht, ist also nicht dessen Interpolation, sondern umgekehrt: Matthäus hat es nicht in sein Evangelium aufgenommen. (In Markus sind Gleichnisse und Aussprüche überhaupt Verhältnis mäßig selten.) In dieser Erzählung tut der Reiche nichts Böses, und dennoch wird ihm die Hölle zuteil, einfach deshalb, weil er reich ist und Freude an dieser irdischen Welt hat; der arme Mann aber, Lazarus, sitzt im Schöße unseres Vaters Abraham (eine sehr häufige hebräische Redewendung26), nicht weil er besonders fromm ist und Gutes tut, sondern einzig und allein deshalb, weil er arm ist und nicht von den Freuden dieser Welt genießen kann. Natürlich gibt das Evangelium keine systematische kommunistische Lehre, denn Jesus verspricht seinen Jüngern ja auch irdische Güter27): wTer sein Haus oder Eltern und Brüder oder Weib und Kinder verläßt um des Gottesreiches willen, wird es „vielfältig wieder emp-