Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Die Gegensätze zwischen dem Judentum und der Lehre Jesu
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 229 (sequence 7)
- Language
- German
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DIE GEGENSÄTZE ZWISCHEN DEM JUDENTUM 229 für einen ergebenen Anhänger Jesu ganz auf, da doch der Messias diejenigen lobt, die „sich verschnitten haben um des Himmelreiches willen*'11). Wie kann das Familienleben geordnet sein, wenn Jesus jede Ehescheidung12) verbietet? (Die Einschränkung: „Es sei denn um Ehebruch"11), die dem Lehrsatz des Hauses Schammai entspricht: „Es sei denn, daß er an ihr den Makel der Unzucht entdeckt hat"14), ist eine spätere Hinzufügung.) Welches Interesse kann ein Mensch wie Jesus an Arbeit, an Kultur, an ökonomischem und politischem Fortschritt haben, da er empfiehlt, den „Lilien auf dem Felde zu gleichen, die weder arbeiten noch spinnen, und deren Kleidung dennoch herrlicher ist als alle Pracht des Königs Salomen*', oder den Raben ähnlich zu werden, deren Alle sich nicht um ihre Jungen kümmern, die aber Gott speist und ernährt, ohne daß sie arbeiten und sich bemühen. (Dieser Gedanke ist dem Psalmvers entnommen: „Er gibt dem Vieh seine Nahrung, den jungen Raben, wenn sie rufen"15), und entspricht, wenn auch mit anderer Nutzanwendung, dem talmudischen Satze*16): „Noch nie habe ich eine Gazelle als Feigentrocknerin, einen Löwen als Lasträger oder einen Fuchs als Krämer gesehen [noch einen Wolf als Krügeverkäufer] — dennoch ernähren sie sich ohne Mühe14.) In all diesen Äußerungen war Jesus jüdischer als die Juden, jüdischer als Simon ben Sehet ach und selbst als Hillel. Doch nichts ist dem nationalen Judentum gefährlicher als übertriebenes Judentum: es bedeutet den Ruin seiner nationalen Kultur, seines nationalen Staates und Lebens. WTo keine Notwendigkeit mehr besteht für Gesetze und irdische Gerechtigkeit, für nationale Politik und gewerbliche Arbeit, wo der Glaube an Gott und die Befolgung einer extremen und einseitigen Ethik allein zu genügen scheinen, da hören das nationale Leben und der nationale Staat gänzlich auf. Ein Beispiel! Jesus sagt: ..Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!"17) Das wird in Lukas18) mit besonderem Nachdruck wiederholt und ist eine erhabene ethische Vorschrift; sie gleicht dem allerdings weniger radikalen Ausspruch Hillels19): „Richte deinen Nebennienschen nicht, bis du in seine Lage gekommen"'. Aber in demselben Evangelium20) steht folgende kurze Geschichte: „Es sprach aber einer aus dem Volke zu ihm (zu Jesus): Meister, sage meinem Bruder, daß er mit mir das Erbe teile! Er (Jesus) aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter über euch gesetzt?" Jesus verachtet also jede gerichtliche Tätigkeit, selbst wenn es sich um einen ganz harmlosen zivilrechtlichen Fall handelt. So ignoriert er alles, was mit der Zivilisation zusammenhängt, und steht in diesem Sinne außerhalb der Zivilisation.