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Menorah · 1930-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1930) · p. Seite 228

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1930)
Article
Die Gegensätze zwischen dem Judentum und der Lehre Jesu
Date
1930-05-01
Page
Seite 228 (sequence 6)
Language
German
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MENORAH hundert Millionen Anhänger erworben hat, steht die andere nicht minder wirkliche Tatsache gegenüber, daß auch das talmudische Judentum wach, lebendig und entwicklungsfähig blieb, und selbst unter den schwersten, kaum vorstellbaren Bedingungen noch immer imstande war, führenden Anteil an jeder neuen geistigen Bewegung zu nehmen. Neues zu schallen und das beste Fremde in sich aufzunehmen; gleichfalls fast neunzehn Jahrhunderte hindurch. Was aber tat Jesus? Wäre er gekommen und hätte gesagt: statt Religion allein gebe ich euch Wissenschaft als selbständiges nationales Gut, statt Schrifterklärung — Kunst und Poesie als ebenfalls von der Religion unabhängige Gebiete, statt der Zeremouialgesetze, die das lebendige religiöse Gefühl durch ihr Übermaß zu ersticken drohen — eine Kultur, die zugleich weltlich und praktisch, national und universal ist — hätte Jesus so gesprochen, dann würde sein Name seinem Volke ein Segen geblieben sein. Aber er kam nicht, um Wissenschaft und Kunst, noch überhaupt um weltliche Kultur unter seinem Volke zu verbreiten, sondern um selbst jene noch vorhandene weltliche, wenn auch religiös bedingte Kultur abzuschatten, in der zwar nicht die Propheten, die infolge ihrer großen politischen Mission keinen besonderen Wert auf sie gelegt, sie aber auch nicht abgeschafft hatten, wohl aber die Schriftgelehrten und Pharisäer den einzigen Rettungsanker ihres Volkes erfaßten und festhielten, da dieses Volk nicht nur eine religiöse Gemeinde sein wollte, sondern ein wirkliches Volk, mit eigenem Land und Staat und mit einer gewissen Selbstverwaltung. Aber für Jesus bedeutete die politische Macht nichts: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!"; also: es lohnt sich nicht, gegen die politische Unterdrückung durch Rom und für die politische Freiheit des Volkes zu kämpfen. Was schadet es, daß ihr dem Kaiser Tribut zahlt, wenn ihr nur mit dem Ewigen, eurem Gotte, in Frieden lebt? Eigene Gerichtsbarkeit, Kampf um soziale Reformen — sie waren in einer Welt unmöglich, in der man ,,nicht mit dem Bösen kämpfen sollte" und für die galt: „Wenn dir einer auf die linke Backe schlägt, so reiche ihm auch die rechte hin!" Wie kann ein Staat bei Jesu Forderung bestehen, daß man „überhaupt (oXco;-) nicht schwören solle"?9) Wie ist materielle Kultur in einer Welt möglich, in der jeder sein ganzes Hab und Gut unter die Armen verteilen soll, und in der „leichter ein Kamel durch i^in Nadelöhr geht, als daß ein Reicher ins Himmelreich kommt"?10) Selbst das Familienleben hört

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