Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Die Gegensätze zwischen dem Judentum und der Lehre Jesu
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 227 (sequence 5)
- Language
- German
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DIE GEGENSÄTZE ZWISCHEN DEM JUDENTUM 227 Religion emanzipierte, selbständige Wissenschaft oder Kunst geschalten. Sie unterschieden sich jedoch darin von den anderen orientalischen Völkern, daß sie die Religion dem Monopol der Priester entzogen und ihre Erforschung und Entwicklung den Laien übergaben. Dadurch wurde sie demokratisiert und eine Angelegenheit des ganzen Volkes. Wir sahen schon*), daß die „Soferim" — die „Schriftgelehrten" (und ihre Nachfolger, die Tannaiten) — nicht nur Rabbiner und Lehrer, sondern auch Anwälte, Richter, Notare (bei Scheidungen und Verträgen), Gesetzgeber, Ärzte (Speisegesetze, Menstruation usw.), auch Botaniker, Agronomen (Abgaben vom Felde, Vermischung zweier Getreidesorten, c^Sd) ua- 111 scm mußten. Demgemäß handelt die jüdische religiöse Literatur auch von Geometrie, Landvermessung, Medizin. Astronomie (z. B. im Buche Henoch), Zoologie, Botanik, Recht. Politik, Geschichte, Geographie (z. B. im Buch der Jubiläen) usw. Das alles war keine exakte, positive Wissenschaft im griechischen oder modernen Sinne, aber diente als Ersatz dafür, trug zur Erweiterung des Gesichtskreises bei, vermehrte die Lebensinter essen und erhöhte den geistigen und materiellen Kulturstandard. Das nationale Leben wurde davor bewahrt, sich auf den Kreis bloß religiös-ethischer Ideen zu beschränken, und erhob sich zu einer weiteren, lebendigeren und universaleren Auffassung von Welt und Gesellschaft, Daß die minutiöse Behandlung der Gesetze trotzdem Auswüchse zeitigte und zu Haarspalterei und pilpulistischer Kasuistik führte, lag in der Natur der Sache und ergab sich aus eben jenem Bestreben, die Totalität des Lebens in all seinen möglichen Fällen (,,casus") zu umschließen; so waren die Weisen häufig gezwungen, sich mit recht sonderbaren und unwahrscheinlichen Dingen zu befassen. Dafür tadelte sie Jesus, und manchmal mit Recht. Aber im Prinzip war das Recht auf ihrer und nicht auf seiner Seite. Denn sie wollten Leben und Religion in einer höheren Synthese vereinigen, die Religion ins Leben führen und das Leben durch ihre Heiligkeit weihen. Dieses Ziel genügt allerdings nicht mehr in unserer Zeit der Spezialisierung und wissenschafIiichen Arbeitsteilung, der Trennung von Politik und Kultur einerseits und Religion andererseits. Aber in jenen alten Zeiten und in jener morgenländischen WTelt, die ein naiver und umfassender Glaube erfüllte, war die Verbindung von Wissenschaft und Kunst mit der Religion eine große Wohltat für das Volk. Die Religion wurde dadurch vor der Gefahr der Einseitigkeit und Exklusivität bewahrt und das nationale Leben — vor Stagnation und Versteinerung. Der einen Tatsache, daß das Christentum über neunzehn Jahrhunderte besteht und sich fünf-