Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Die Gegensätze zwischen dem Judentum und der Lehre Jesu
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 226 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2912821-2912900-2912904-2925186--09040-2925327- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
226 MENORAH Doch die Propheten setzten sich auch für die Befolgung der Zeremonialgesetze ein, soweit sie für den national-religiösen Bestand des Volkes unerläßlich waren (z. B. Jeremias und Deutcrojesaja für die Sabbatheiligung, Ezechiel für die Besclineidnny). Wir fühlen außerdem noch in ihren heftigsten Zurechtweisungen den starken Hauch der jüdisch-nationalen Geschichte und die enge Verbundenheit mit den großen Ereignissen des Menschheitsgeschehens ihrer Zeit. Deshalb bestand auch die Wirkung der Propheten gerade darin, daß andere Völker sich „dem Hause Jakobs" anschlössen, wie dies vom babylonischen Exil an bis zur Zeit Jesu und zum Übertritt des Königshauses von Adiabene immer wieder geschehen ist. Es ist allerdings zweifellos, daß die Pharisäer und (selbst schon die ältesten) Tannailen den Bogen des Zeremonialgesetzes überspannt und sich allzuviel mit den mannigfaltigen Details befaßt haben, die leicht die innere Absicht des Gesetzes überwuchern konnten. Dagegen empörte sich Jesus mit Recht, doch verstand er nicht die nationale Seile des Zeremonialgesetzes. Er hebt es zwar nicht ausdrücklich auf. verhält sich aber zu ihm wie zu einem alten Lappen auf dem neuen messianischen Kleid und setzt seine religiös-ethische Bedeutung herab. Er erkennt nicht die enge Beziehung zwischen Volks- und Weltgeschichte, auch fehlten ihm völlig die großen politischen Gesichtspunkte, die für die Propheten so charakteristisch sind: jener kühne Flug der Gedanken, der die Völker und Reiche des ganzen Erdballs überblickt. Deshalb ward er unbewußt zur Ursache dafür, daß ein Teil ..des Hauses Jakob" unter jenen Völkern unterging, die sich ihm anfangs in der Form des Judenchristentums angeschlossen hatten. — Aber dieses Problem ist von größter Bedeutung und berührt die letzten Prinzipien der Religion und des Volkstums. Alle Künste und Wissenschaften haben ihre Wurzel in der Religion. Aus der Religion entwickelten sich die Anfänge der Mathematik, der Astronomie, der Musik, der Poesie und der Geschichte, sowie das Drama. Den Griechen gelang es zwar im Laufe der Zeit. Wissenschaft und Kunst von der Religion zu trennen, und die Römer sowie die europäischen Völker folgten ihrem Beispiel. Für die Nationen des Ostens aber, für Ägypter, Assyrer, Babylonier und Phönizier blieben Wissenschaft und Kunst unzertrennlich mit der Religion verknüpft. Ihre Gelehrten waren entweder geradezu Priester oder aber hohe Beamte, die meist der Kaste der Priester entstammten oder doch ihnen sehr ähnlich waren. Auch die Juden haben, wie alle Völker des Ostens, keine von der