Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Article
- Das Wunder
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 185 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS WUNDER 185 hätte die ganze Begebenheit längst vergessen, wenn der Großvater nicht immer, so oft ihm etwas über die Leber kroch, sie ihr vorgeworfen hätte. vJbwohl der Großvater alles auf die leichte Schuller nahm, wurde er, je mehr sich der Tag der Übersiedlung näherte, immer schweigsamer; er war ganz verändert. Jetzt erst schien er die ganze Schwere und die ganze Trauer des drohenden Abschieds zu verstehen. Eines Tages sprach er nach dem Essen: „Weißt du, Mädel, jetzt mach' ich mich auf die Socken und schau zu uns hinüber." „Zu uns hinüber" war der Ort Zälezlitz, woher der Großvater stammte. „Ein überflüssiger Weg; gehst hin, um wieder zurückzugehen", war Großmutters ablehnende Antwort. „Ich geh* aber doch," beharrte der Großvater, „ich möchte noch ein letztes Mal Zälezlitz und unsere Hütte sehen." Der Großmutter gab's einen Stich ins Herz. Sie hätte dem Großvater gern ein Wort des Trostes gesagt, wußte aber nicht was. Weder der Großvater noch die Großmutter waren auf sentimentale Gespräche eingerichtet. Schließlich sprach die Großmutter entschlossen: „Wir könnten gemeinsam hingehen; ich hab* eh nicht viel Arbeit.'* Der Großvater zog sich schon an und schüttelte nur schweigend den Kopf. Die Großmutter verstand ihn. Auf den Friedhof müsse er auch immer allein gehen, sagte er, mit seinen Verstorbenen könne er am besten sprechen, wenn niemand dabei sei; anderes habe er auch im Heimatsdorf nicht zu suchen. Es seien schon zweiundfünfzig Jahre her, seitdem er Zälezlitz verlassen, keine verwandte Seele erwarte ihn dort. Die Großmutter verließ die Stube, der Großvater machte sich marschbereit und ging. Er fand die Großmutter vor der Tür im eifrigen Gespräch mit der alten Holaj und hörte noch, daß sie der Holaj — zum zehntenmal gewiß — erzählte, wie der Großvater unlängst ausging, um die Gräber zu verkaufen und der Großmutter eine Ziege nach Haus brachte. Ärgerlich rief der Großvater der Großmutter zu, sie möge den Altweibertratsch doch lassen und lieber achtgeben, daß sich niemand in die Hütte schleiche. Es war zu Beginn der Erntezeit, das erste Korn, die erste Gerste fielen raschelnd unter den Sensen der Schnitter. Von allen Feldern schallten dem Großvater laute Grüße entgegen, die er ebenso laut erwiderte. Aber er hatte keine Lust zu reden, große Trauer lastete auf ihm. Er kannte jeden Strauch und jeden Stein auf seinem Weg. In der Ferne leuchtete durchs Blau der reinen heißen Luft der Georgs-