Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Article
- Das Wunder
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 186 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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186 ME N ORAH berg, den er, seit er lebte, vor Augen gehabt hatte. Als Kind hatte er den Eindruck, der Berg sei so nah, daß man ihn mit einem Stein erreichen könnte; in Wirklichkeit führte ein langer Weg hin. Wie oft war er hier gegangen — zur Zeit, da er der Großmutter nachstieg . . . Endlich hatte er Zälezlitz erreicht. Das ganze Dorf war wie ausgestorben. Alle waren auf dem Feld, nirgends eine lebende Seele. Der Großvater ging langsam durch das ganze Dorf, in Gedanken machte er bei jeder Hütte, bei jedem Garten halt. Bis er „zu Hause" angelangt war — ,,Zu Hause" nannte der Großvater die Hütte, in der er vor zweiundachtzig Jahren geboren worden war, und in der längst schon fremde Menschen wohnten. Auch diese waren nicht zu Hause. Das Tor war geschlossen, und der Großvater gelangte durch den dürftigen lebenden Zaun in den Garten. Hier stand er vor jedem obstübersäten Baum, der ein Zeuge seiner Knabenjahre war. Er ging durch den Garten in den Hof, aus dem geschlossenen Stall drang gedämpftes Kuhgebrüll, und ein Schwärm von Hühnern stob bei seinem Kommen nach allen Seiten. Der Großvater schaute durch das geschlossene» Fenster in die Stube, durch das zweite in die Kammer — es war alles wie einst. Seine Blicke ruhten lang auf dem Gebäude, dem Hof, dem Dach. .. Dann ging er still ins Dorf hinein. Es war ihm festlieh zu Mute, wie wenn er den Friedhof verließ, wo er allen seinen Toten erzählt hatte, was ihm am Herzen lag. Jetzt erblickte er auch einen lebenden Menschen. Der Schuster Kazda saß vor seinem Häuschen und sonnte die alten Glieder. Er war barfuß, trug wTeder Rock noch Weste, hatte nur die Hose an. Er war groß, hielt sich gerade wie eine Kerze, war glattrasiert und hatte schlohweiße Haare. Kazda hatte sein Schusterhandwerk schon längst an den Nagel gehängt; er lebte von seinen Ersparnissen und von dem Erträgnis, das ihm die Prozessionen einbrachten, die er seit seiner ersten Jugend nach Zälezl führte. Zälezl ist ein Wallfahrtsort nächst Alt-Bunzlau. Kazda und der Großvater waren Altersgenossen — Kazda war noch ein Jahr älter als der Großvater — und sie besuchten einander, w7enn sich die Gelegenheit ergab. Von weitem schon winkle Kazda dem Großvater zu und bat ihn näher zu kommen. Der Großvater nahm die Einladung gern an, die Füße schmerzten ihn sehr. Das ganze Häuschen Kazdas bestand aus einem Vorplatz und einer Stube. Der Fußboden des Stäbchens wrar reingescheuert, mit weißem Sand bestreut, das Bett war sorgfältig gemacht, das Geschirr am Wandbord glänzte, alles stand auf seinem Platz, als herrschte hier noch eine fürsorgliche Frauenhand. Und doch wußte der Großvater,