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Menorah · 1930-03-01 · Heft 3-4 (März 1930) · p. Seite 182

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 3-4 (März 1930)
Article
Das Wunder
Date
1930-03-01
Page
Seite 182 (sequence 4)
Language
German
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182 MENORAH Jetzt brachte die Großmutter ihrem Herrgott alles wieder ein. Hinter dem geschlossenen Laden, in der vereinsamten Küche betete sie gewissenhaft ihr Morgen-, Mittag- und Abendgebet, so wie es der liebe Gott vorschreibt. Manchesmal tat sie dem Großvater leid, wenn er ihrem ausdauernden Beten, ihrem frommen In sichgehen zusah. Noch spazierte der Großvater absichtlich auffallig im Hof hin und her; da kam Besuch. Es war die alle lieznicek, die die Großmutter in ihrer Verlassenheit willkommen hieß. Die Alte setzte sich an den Tisch und schien etwas auf dem Herzen zu haben. ,,Sie wissen etwas Neues, lieznicek", sagte ihr die Großmutter auf den Kopf zu. „Ja," gestand die lieznicek und schaute wie eine büßende Sünderin unverwandt zu Boden, ,,eigentlich ist es nichts Neues, es ist eine alte Geschichte, ich hätte es Ihnen schon längst gesagt, hab" mich aber nicht getraut." Die Großmutter horchte gespannt. „Was ist denn los, lieznicek. was ist los?" „Ich will es Ihnen sagen, damit die Sünde nicht mit mir ins Grab sinkt. Zu Weihnachten wird es schon fünfzehn Jahre, da habe ich bei Ihnen zehn Pfund Mehl gekauft und nicht bezahlt. . ." Die Großmutter nickte mit dem Kopf. „Ihnen hab' ich gesagt", die alte Reznicek verschluckte sich und hob die Augen nicht vom Boden. „Ihnen hab' ich gesagt, daß ich's bezahlt habe. . . aber es war nicht wahr." Die Großmutter hatte nicht aufgehört, mit dem Kopfe zu nicken; sie lauschte aufmerksam. „Ich hätte es längst schon eingestanden," fuhr die lieznicek voller Reue fort, „aber ich schämte mich entsetzlich. Jetzt aber, da Sie von uns fortgehen und wir uns nie wiedersehen werden .. . jetzt — jetzt. . ." Die Reznicek hub bitterlich zu weinen an und konnte gar nicht weiterreden. Sie griff in die Tasche, zog zwei Guldenstücke heraus und legte sie vor die Großmutter auf den Tisch. Nur mühsam verstand man, was sie sprach: „Es waren zehn Pfund zu zwanzig Kreuzer." Die Großmutter hörte zu nicken auf und fragte scharf: „Hören Sie, lieznicek, sagen Sie auf Ehr' und Gewissen, waren es nicht fünfzehn Pfund?" Die Reznicek stellte im Nu das Weinen ein und wehrte sich erbittert: „Ich soll nicht gesund von dieser Stelle gehen, wenn es mehr als zehn Pfund waren! Ich erinnere mich so genau, als wär's heute; ich habe damals Striezeln gebacken, und die Gabe Gottes war speckig und ist sitzengeblieben. Damals hab' ich gedacht, daß Gott mich ge-

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