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Menorah · 1930-03-01 · Heft 3-4 (März 1930) · p. Seite 181

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 3-4 (März 1930)
Article
Das Wunder
Date
1930-03-01
Page
Seite 181 (sequence 3)
Language
German
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DAS WUNDER 181 Die Großmutter wußte zwar nicht recht, was ,Pillar' ist, weil sie aber alles Städtische haßte, drohte sie: ,,Du könntest dich unterstehen! Weiter fehlt dir nichts auf deine alten Tage, als daß du dich so vergißt!'* ,,Ist mir auch recht, ich werde halt die Zeitung lesen", sprach nachgiebig der Großvater. „Was für Zeitungen?'' forschte die Großmutter. „Verschiedene, es geht dich übrigens gar nichts an." „Brauchst Zeitungen", brummte die Großmutter. Schließlich wurde auch der Großvater wütend und sagte spitzig: ,,Du brauchst sie gewiß nicht, das weiß ich. Deine Zeitungen sind die Vojtisek, die Holaj, die Reznicek. Du brauchst keine anderen Zeitungen." „Und wenn schon, so viel Lügen wissen sie gar nicht wie deine Zeitungen", fuhr ihn die Großmutter an. „Du bist ein ungebildetes Frauenzimmer, und ich weiß wirklich nicht, Mädel, was mir einfiel, daß ich dich geheiratet habe", lautete Großvaters scharfe Antwort. Der Großvater schlug die Türe hinter sich zu und begann mit demonstrativer Wurstigkeit draußen in Hof und Garten herumzugehen. Die Großmutter nahm ihr Gebetbuch und fing zu beten an. Ihr ganzes Leben hatte sie nicht so viel gebetet wie in diesen traurigen Tagen, in der vereinsamten Küche hinter dem kürzlich geschlossenen Geschäft. Sie hatte früher auch gehet et, aber das war ein ganz anderes Beten gewesen. Sie hatte im Laden am ,Pudel' das ganze Jahr das ofTene Gebetbuch liegen, und zwischen Kochen, Messen, Rechnen und Gesprächen mit den Kunden warf sie von Zeit zu Zeit einen Blick in das ofTene Gebetbuch, um gleich darauf wieder zu wiegen, zu messen, zu rechnen und mit den alten Weibern erregte Gespräche zu führen. Diese Alten versicherten einander, daß, wenn die Großmutter sie an Gewicht oder an Maß bemogle, sie schnell einen Blick ins Gebetbuch werfe, ein kurzes Gebet herunterplappere und mit dem lieben Gott wieder alles auf gleich gebracht habe. Deshalb liege ihr Gebetbuch das ganze Jahr hindurch offen am ,Puder. Der Großvater, der hinter der Glastür in der Küche das Beten der Großmutter beobachtete, war damit gar nicht einverstanden und sagte stets, so ein Gebet sei gar kein Gebet: „Sie kann sich nicht einen Augenblick niedersetzen und in Ruhe beten, wie es andre ordentliche Frauenzimmer tun; mit jeder alten Klatschbase im Laden spricht sie ordentlicher als mit ihrem Herrgott."

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