Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 177 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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FRANZ ROSENZWEIG 177 der Theologie bewahrt sind. Indem dieser wahre Wortschatz nun in einer neuen Unbefangenheit ausgewertet wird, gelingt es, die Elemente zu der Bahn zu fügen, die sich am Himmel des Welttags abzeichnet: Gott ist der sich in Wahrheit Offenbarende, der Mensch der in Liebe Sprechende, die Welt die im Reich sich Erfüllende. Aus dem bannenden Raum der Abstraktion tritt durch ihren theologischen Neubesitz die Philosophie in die Freiheit und Weite der Geschichte; und nun liefert ihr nicht mehr die abstrakte Mathematik die Zeichen für ihr logisches Denken, sondern die lebendige Sprache. In der jetzt zu durchlebenden Geschichte leuchtet zielkündend der Stern als echtes Gleichnis auf; seinen Sinn melden die ewigen Gestalten des Judentums und des Christentums: den zeichengeleiteten Weg zum Reich, zum wirklichen All am Ende, zur Erlösung. Nicht mehr, wie es aller Idealismus getan hat, kann nun die kommende Welt vorgebildet oder vorgeträumt oder vorbegrilTen werden; in der Zeitgestaltung unserer Welt wird sie v o rw eggeno in m e n. Diese Vorwegnahme geschieht innerhalb der ganz konkreten Zeit, die im wirklichen Jahr des Juden wie des Christen abläuft und die durch die Feslstage harmonisch weihend abgeteilt wird, daß sie sich heilig-rhythmisch regt. In der betenden Überwelt, die sich hier au flu t, lebt und webt die ewige Auseinandersetzung der beiden .,Wahrheiten", die an der einen Wahrheit teilhaben. Erst hier am Ende seines Denkweges kann der Denker von der Wahrheil sprechen und er meint mit ihr, die er wirklich in einem Atem mit Gott nennen darf, nicht mehr eine Wahrheit, die sich beweisen läßt, sondern die sich bewährt. Und mit dem letzten und höchsten „Wahrlich" schreitet er durch die Tempelpforle des Buches hinaus — in den Alltag seines Lebens. Dort hat Rosenzweig die Wahrheit, die er geschaut hat, wahrhaftig bewährt. An jedem Tag seines vom Leiden gefesselten Daseins ist er zum Diener der Wirklichkeit geworden. Noch in gesunden Tagen konnte Rosenzweig, bewehrt mit einem jüdischen Wissen, dessen großer Meister ihm N. A. Nobel geworden war, dem jüdischen Leben der Zeit durch das Freie Jüdische Lehrhaus dienen: mit der Schrift ,,Bildung — und kein Ende" hat er den Weg zum jüdischen Lernen und zur Nutzbarmachung des neuen sprechenden, dialogischen Denkens auf allen Gebieten gewiesen. Dies war, nach jenem ,,Zeit ist's", sein zweites Manifest; das dritte hat er an den Freund Martin Buber gerichtet. Da er nun nicht nur der lehrende, sondern der lebende Jude sein durfte, mußte er um Sinn und Bewahrung des Gesetzes, um das im jüdischen Sein zu Tuende, ringen und er ist wahrlich unter den ,,Bauleuten", die er aufrief, der erste gewesen. Die denkerische Kraft und die jüdische Substanz seines Lebens schufen weiter; der Einung des Geistes und des Seins fügte Rosenzweig noch die dritte hinzu: die Einung der Form. Wenn es berechtigt ist, in allem, was er dachte und schrieb, Messianisches zu finden, so darf es mit höchstem Recht da gefunden werden, wo er Gottes erstes Geschenk an die Menschen, die Eine Sprache, als seinen eigensten Besitz bewährt hat: da er erfuhr, daß es ihm gegeben und deshalb aufgetragen war, den Dienst am Wort zu vollziehen, der Übersetzen heißt. ,,— aber dafür komme ich in den Himmel", sagte er damals, als er zuerst ein paar Gebete, den Tischdank und die häusliche Feier des Freitagabends, in einer bis dahin unerhörten Weise ins Deutsche übertrug. Sehr bald begann er die Hymnen des Jehuda Halevy zu übersetzen und rundete seine Wiedergabe mit ganz jüdischen und ganz in seiner neuen Denkart gehaltenen Anmerkungen, die für sich allein eine jüdische „Religionsphilosophie" sein könnten, zu einem Meisterwerk. Dann aber hat er in engster Gemeinschaft mit Martin Buber die Verdeutschung der Schrift unternommen. Mit dieser Übertragung ist etwas anderes getan, als mit Übersetzungen, die vielleicht zu irgend einem Zweck notwendig sind, und gewiß nicht das, was man — Rosenzweig hat dem im Nachwort zum