Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 178 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2912821-2912900-2912903-2924942--08923-2925102- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
178 MENORAH Jchuda Halevy ein paar erfrischend kräftige Worte gewidmet — „Nachdichtung" nennt. Eine wirkliche Wende der Not scheint aus solcher Arbeit aufzusteigen: der Not unserer vielfach befleckten, ihrer wurzelhaften Tiefe nicht mehr bewußten und in ihrem lebenutmenden Klang verarmten Sprache; sie mag nun, da das heilige Wort aufs neue in sie hineingesprochen wind, erneut sein für das, was Sprache immer war und ist und sein wird: Werkzeug der Offenbarung, lautwerdendes Zeichen auf dem Wege der Menschheit. In einer Fülle kleinerer Schriften hat Rosenzweig, befreit und befreiend, sein Denken und Wissen hinausgetragen; in dem Sammelbande, den er in zwiefachem Dank ,, Zweistromland" genannt hat, hat er die Zeugnisse seiner geistigen Herkunft und seiner lebendigen Ziele vereint niedergelegt; vom Jüdischen als der Substanz seines Lebens, vom Außerjüdischen als einem Substrat seines Denkens, handeln die Aufsätze, in denen alles Besprochene, sei es Mensch oder Buch, von seiner eigenen ernsten Helle und tiefen Heilerkeit angestrahlt wird. Und er hat als der deutsch-jüdische Mensch, der er war, mit angespanntestem Willen am jüdischpolitischen Leben unserer Tage teilgenommen; mit der Weile seines Blicks hat er die ganze jüdische Wirklichkeit überschaut und, über den Parteien stehend, ohne jede Einseitigkeit, sich keiner echten, aus der Wahrhaftigkeit kommenden Bewegung entzogen. In Franz Rosenzweigs Persönlichkeit ist durch das neue Denken, dem er die Bahn brach, die Problematik unseres Geistes, und durch das getreue Wort, das er lehrte und lebte, die Problematik unseres jüdischen Seins neuer Lösung entgegengeführt worden. Denker und Lehrer, Bekenner und Führer ist er gewesen. Wir aber sahen den Menschen als Freund und Vorbild am Rande der Ewigkeit- Eduard Strauß Die Flut Kam neu die Flut, drin Land und JVteer versanken? Nicht mehr zu sehn der festen Erde Schranken, J^Zicht T^Iensch, nicht Tier, nicht Vogel — ist denn alles zu Ende? gings dorthin, wo Schatten schwanken? Und sah1 ich Berg und Felsenfluh — o Ruhe! nach Stefifidornranken könnt' das Herz mir kranken. Ich sfeäh nach allen Seiten — keine Seele. J\[ur ^Wasser, Himmel, und der Arche Planken. Und Leviathan, — greisengrau der Abgrund, wenn er die Tiefe peitscht mit seinen Flanken. Das Herz des J^Ieeres verhehlte gern das Schi ff lein, als war es Diebs gut in des Ttfeeres Pranken. So tobt das J^/Leer. J^iein Herze jauchzt, denn bald darfs im Heiligtume seines Gottes danken. Aus: Franz JRoscnzweig, „Sechzig Hymnen und Gedichte des Jchuda Halevi" Verlag Oskar fVöhrle, Konstanz