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Menorah · 1930-03-01 · Heft 3-4 (März 1930) · p. Seite 176

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Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 3-4 (März 1930)
Article
Franz Rosenzweig
Date
1930-03-01
Page
Seite 176 (sequence 3)
Language
German
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176 MENORAH reichen Gedankeninhalt des Werkes, das in dem Triptychon seines Aufbaues eine vollständige Ästhetik und eine ganze Staatslehre birgt, auch nur annähernd erschöpfen zu wollen, sei hier nur sein systematischer Gehalt in Kürze dargestellt. Das neue Denken, wie Rosenzweig selbst die Methode seines Werkes bezeichnet hat, steht in ausgesprochenem Gegensatz zur traditionellen Denkweise der Philosophie, die man seit mehr als zwei Jahrtausenden, von Parmenides und Piaton bis in die Gegenwart, mit 'dem Idealismus gleichsetzen darf. Die Philosophie hat versucht, im Denken und a u s dem Denken Einheit zu finden und die ganze Vielheit alles Wirklichen in einem gedachten All zu umspannen. Sie hat dabei immer wieder die Elementarerfahrungen Gott, Welt und Mensch aufeinander zu reduzieren und sie zu vereinheitlichen gesucht, aber notwendigerweise die Zeit entwirklichen müssen: nämlich jenes Jetzt und Immer, in dem der Mensch Gott begegnen kann, in dem Gott schafft, in dem die Welt wird. Der Mensch mußte endlich merken, daß die Philosophie ihm zwar seinen eigenen wirklich zu sterbenden Tod nicht wegdenken konnte, dafür aber sein zu lebendes Leben schließlich bis zum Ideegespenst zerdacht hat. Der Schrei des Menschen aus seiner unabweislichen Not- Wirklichkeit dringt an das Ohr der Denkenden gerade in dem Augenblick, als die idealistische Philosophie mit Hegel ihre geistesgeschichlliche Höhe erreicht hat: in der Philosophie Schopenhauers wird zum ersten Male entscheidend die Frage nach dem Wert der Welt und des Lebens laut, und dieser Philosoph „nach aller Philosophie" schlägt lieber die Welt in Trümmer, als sich seine Frage wegdiskutieren zu lassen. Nach ihm versucht Nietzsche noch steileren Anstieg: über den bisher höchsten Gipfel, über das philosophische Alldenken, klimmt er empor — und stürzt ab. Es ist nötig, daß eine neue Basis des Denkens gefunden werde, weil sonst dem Philosophen immer wieder der Absturz droht; denn ungeleitet bleibt der lebende Mensch vor dem geschlossenen System der Ethik, imerfaßt der wirkliche Inhalt der Welt vor dem starren Formb.au der Logik, unofTenbar der leibhaftige Gotl „vor dem aus nichts über Nacht durch dienstbare Dämonen aufgetürmten Zauberreicli unserer Ideale". Der ,.Stern der Erlösung" hebt mit der Herausstellung dieser Problemlage an. „Die Vorwelt" wird aufgezeigt, in der die drei Elemente in ilirer Isolierung und Vereinsamung geistern: der verborgene Gott, die verschlossene Welt, der stumme Mensch. Hier werden nur die Ideen erfunden: Gottesidee, Idee des All, Idee des Menschen — also all das, was gedacht wird, was als Gedanke und nur als solcher existiert. Und so ist hier auch der im Wortsinne geometrische Ort für Werden, Vergehen, Entwicklung, kurz: für die denkabstrakte „Zeit", die eigentlich immer in Anführungszeichen geschrieben werden müßte. Denn was hier nicht und niemals anzutreffen ist, das ist der wirkliche Augenblick, dieses Jetzt, das sich das Ernstgenommenwerden erzwingt, das nicht erfunden werden kann, sondern in seinem je und je erneuten Kommen und Gehen angetroffen wird. Diese wirkliche Zeit ist die eigentliche Substanz des neuen Denkens, als einer erfahrenden PhiLosophic. Sie ist nicht zu umgehen und nicht aufzuschieben, so wenig wie jede unbefangene, dem uns Angehenden sich hinbreilende Begegnung es ist — es sei denn, man gehe ihr bewußt „aus dem Wege" und ziehe sich auf jenes monologisierende Alleinsein zurück, das der Haltung des ,,reinen Denkens" ja zutiefst entspricht. Das Nichtstillstehen des echten und rechten Augenblicks, sein wirkliches Vorher und Nachher, ist unsere Geschichte: es ist nicht erdenkbare Begriflsentwicklung, sondern erzählbares Sichereignen; als das Ins-Daseingerufen-werden der Schöpfung wird es erlebt. Rosenzweig bringt die Zeitwirklichkeit gegenüber dem Zeitlosigkeitsidealismus dadurch zur Geltung, daß er die theologische Reihe Schöpfung—Offenbarung—Erlösung in die Philosophie eingreifen läßt; diese Namen stehen hier nicht als Denkkategorien, sondern als die Lebendigkeilen, als die sie in

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