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Menorah · 1930-03-01 · Heft 3-4 (März 1930) · p. Seite 175

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 3-4 (März 1930)
Article
Franz Rosenzweig
Date
1930-03-01
Page
Seite 175 (sequence 2)
Language
German
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FRANZ ROSENZWEIG 175 aller Sicherungen die Energien freigemacht, die zum Bauen berufen waren. Wer mitwirkend in neuwerdender Welt seine Hand anlegen wollte, der mußte wissen, daß er eben von keiner denkerischen oder bildnerischen Isolation mehr gesichert war und daß die schwerste Verantwortung auf ihm lag. Uns Juden war es in der unauflöslichen Verkettung unseres Schicksals mit (lern des allgemeinen Geistes und Lebens not, daß zugleich mit einer Wende im Geist und in dem ihm zugehörigen Denken unser jüdisches Sein aufbrannte und Mittelpunkt ward: so, daß wir das Neue als ein Geschehen aus derselben Substanz erlebten. Darin, daß einer all jene Vorzeit und Gegenwart bewußt durchlebt und die doppelte Umkehr des Denkens und des Seins zur Erfahrung und zur Verwirklichung selber vollzogen hat, um die neuen Wege voranzugehen, liegt die zeitgeschichtliche Bedeutung Franz Rosenzweigs beschlossen. Der Werktag hat früh für ihn begonnen; schon in dem Jüngling, der einem Hause von gepflegter Geistigkeit entstammt, bricht erstaunlicher Lern- und Arbeitseifer auf. llosenzweig trägt bereits, wie man wohl ein kostbares, aber nur selten zur Hand genommenes Kleinod als Andenken aufbewahrt, Wissen um Jüdisches mit sich, als er die Universität bezieht, um Medizin zu studieren. Nach den ersten klinischen Semestern treibt es ihn zum Studium der Geschichte und der Philosophie: er sieht den ersten Wegabschnitt, den er zu gehen hat, da er sich in die Werke der großen Denker des deutschen Idealismus versenkt. Hier glückt ihm eine Entdeckung: das älteste Systemprogramm des Idealismus fällt ihm in die Hände und er weist Sendling dessen Autorschaft zu. Schon vor dem aber liegen die Anfänge eines großen Werkes über Hegel und' den Staat, mit dem er promoviert und das bei Kriegsausbruch vollendet vorliegt, aber erst viel später, zu einer Zeit, in der er es nicht mehr würde geschrieben haben, erscheinen kann. In die Jahre, in denen Meinecke, Lamprecht und Mareks seine Lehrer sind und in denen Rosenzweig sich scheinbar restlos dem idealistischen Geislesstrom anvertraut, fällt auch schon — aus der unbedingten Wahrhaftigkeit seines Willens erzeugt — eindringliche Arbeit im Jüdischen: es ist, wie alles in diesem Leben, zeichenhaft, daß Jesaja die erste Quelle wird, die ihm zufließt; die gewaltige Überselzerarbeit an diesem Künder unseres Höchsten sollte dereinst seine Vollendung werden. In Berlin, wo er 1913 bis 1914 und noch einmal 1915 weilt, wird ihm das Glück der Begegnung mit Hermann Cohen; er erlebt, selbst immer heftiger ins Judentum drängend, an diesem letzten Denker des deutschen Idealismus von ganz großem Formal die Heimkehr, die sein eigenes Schicksal wird: noch aus dem Manuskript erfährt er Cohens großes Bekenntnis von der Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums. An Cohen, als dem führenden Juden der Zeit, richtet er die Schrift: ,,Zeit ist's", sein erstes jüdisches Manifest, mit der Forderung einer Institution für die Ausbildung jüdischer Lehrer und zugleich der grundsätzlichen Feststellung, daß im Religionsunterricht „ein Heranführen an die Quellen, nicht aber nur geschichtliche Unterweisung oder katechismusartiges Belehren" das Wesentliche sein müsse. Cohen hat die Schrift zum Anlaß genommen, eine Akademie für die Wissenschaft des Judentums ins Leben zu rufen. Was aber als größte Aufgabe seit Jahren schon in Rosenzweigs Geist wächst, das überfällt ihn nun mit visionärer Gewalt und zwingt ihn zu höherem Dienst, als dem des Soldaten: im Felde entsteht, in der täglichen wirklichen Lebensgefahr, sein „Stern der Erlösung", von dem er selber einmal gesagt hat: „Dafür bin ich in die Welt gekommen." Das Buch ist 1921 erschienen und bedeutet die Erfassung der Wirklichkeit mit einer neuen philosophischen Methode; es, ist eine Weltdarstellung, mit der wieder einmal in der Geschichte des Menschengeistes der jüdische Gedanke berufen ward, Epoche zu machen. Ohne auf methodische Vorgänger, die Rosenzweig selbst in einer Darstellung seines Systems aufzählt, einzugehen, und ohne den

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