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Menorah · 1930-03-01 · Heft 3-4 (März 1930) · p. 174

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 3-4 (März 1930)
Article
Franz Rosenzweig
Date
1930-03-01
Page
174 (sequence 1)
Language
German
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FRANZ ROSENZWEIG Mitten in unser Leben ist Franz Rosenzweig eingetreten: gleichviel, ob damit der biographische Ablauf unseres Schicksals oder die uns mitführende Gesamtheit aller Fragwürdigkeiten der Zeit gemeint ist. Wer immer von Werk und Wirken dieses Menschen aus wahrhaftiger Nähe spricht, der kann nicht umhin, zu bekennen, daß die Begegnung mit ihm die quellende Mitte eigenen Denkens und Treibens angerührt und im bestimmten und entscheidenden Augenblick seinen Weg gerichtet hat. Der Blick auf Rosenzweig, der seit jenem 10. Dezember 1929, an dem nach jahrelangem heilig-heldischem Kampf dies Leben endete, zum schmerzvollen Rückblick geworden ist, zwingt zur Erinnerung an die Lebenslage, der er sich und uns entwunden hat, als ihn der neue gewisse Geist ergriff und für idie Sache der Treue in den Sattel hob. Das Menschenalter, das sich auf das Ende des vorigen und den Anfang dieses Jahrhunderts bis zum Weltkrieg verteilt, umfaßt eine Zeit, in der außerhalb aller schon revolutionierenden Bewegungen ein Leben der bürgerlich-besitzenden und gebildeten Schichten im Bewußtsein der Gesichcrlheit noch fortbestand. Die Aufnahme der damals sich offenbarenden, widerstrebenden und den Konventionen sich entreißenden Kräfte war dort — beim einzelnen wie in den gesellschaftlichen Verbänden — mehr eine Zurkenntnisnahme, als ein Ja der Entscheidung; diese Kräfte blieben im wesentlichen außenseitig und man hörte noch nicht den Schlag der Weltenuhr, der die rechte Stunde eines Neubruchs angezeigt hätte. Der junge Mensch der Zeit geriet, mehr als er ging, in die Lage von Bildung, Beruf und wohl auch „Bekenntnis" hinein, in die ihn eine kaum zwei Generationen alle neu bürgerliche Tradition brachte. Besonders sichtbar vollzog sich das an den jungen jüdischen Menschen, in deren Elternhaus die überlieferte Lebenshaltung wirklichen Her-Kommens, wenn nicht ganz verschwunden, so doch auf ein Mindestmaß zurückgegangen war. Hatte der Eingang in die allgemeine europäische Gcisleskullur auch nicht zur völligen Loslösung und bis zum Abfall geführt, so war doch in weitesten jüdischen „gebildeten" Kreisen die seit Mendelssohns Tagen gegebene und immer drängender werdende Problematik jüdischen Daseins inmitten einer westeuropäischen Stadlkultur keineswegs wichtigste Angelegenheit. Es bestand nicht allgemein das schöpferische Bewußtsein einer ,,geliebten Gefahr", wenn man sich, vom Jüdischen aus gesehen, an der äußersten Peripherie befand und bei allem nobile officium innerjüdischen Interesses wesenhaft dem allgemeinen Geiste verhaftet war. Dieser spätidealistische Geist der Zeit — individualistisch durchaus in bezug auf den Menschen, staatssozialistisch besten Falles in bezug auf die Welt, ideologisch vergeislet in bezug auf Gott — war kaum die Macht, die den Juden mit eigener innerer Logik zu sich selber hätte zurückführen können. Was von Jüdischem, indirekt durch die Vermittlung der christlichen Welfkultur gegeben, darin auffindbar war, das erkannte und bekannte man wohl gern, und! wenn nicht in Abwehr gegen stets treibende Feindschaft, dann mit jenem wTeltbürgerlichen Stolz, mit dem man sich auch zu allem anderen bekannte: zu den Sphären des Geisteslebens, wie Wissenschaft. Philosophie, Kunst, die der Gebildete als seinen besten Besitz pries und deren Pflege er in der sicheren Obhut der allgemeinen Bildungsstätten wußte. Doch nur eine Oberfläche ist mit alledem gekennzeichnet; in sich barg die Zeit ja schon die Keime einer Wende. In einer Atmosphäre des Wartens lebten die Forschenden und Suchenden, die Fragenden und Heischenden — Menschen, in deren Wissen und Willen das Kommende eingetan war; sie waren die gesegneten Lehrer einer neuen Generation, die aus dem Eigensten ein Heim neu aufbauen mußte, um zu ihm heimkehren zu können. Die grundstürzende Katastrophe des Weltkrieges hat zugleich mit der Vernichtung

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