Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Article
- Die neue Synagoge in Amsterdam-Ost
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 172 (sequence 8)
- Language
- German
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172 MENORAH An dem Äußern der Synagoge mag der kaminartige Turm befremdlich wirken. Jedenfalls könnte man sich den Bau auch ohne ihn gut denken. Aber — wenn wir richtig informiert sind — gerade dieses Motiv ist dem Künstler von der Baubehörde aufgezwungen worden. Sie meinte wohl, daß ein Gebäude von solcher Bedeutung durch einen besonderen Zeiger von den Wohnhäusern der Umgebung abgehoben werden müsse. Ob sie damit recht halte oder nicht, steht hier nicht zur Frage. Jedenfalls zeigt der Vorfall, daß nach Ansicht des Stadtbauamtes von Amsterdam — und das ist eines, dem wir die großartigsten Verwirklichungen einer wahrhaft sozialen Baukultur verdanken — auch eine Synagoge sich einordnen müsse in das Stadiganze, um außen vor allem diesem, nicht aber nur sich selbst zu dienen. Man muß, will man den grundsätzlichen Wert dieser Anschauung, welche die weiteste Verbreitung verdient, schnell einsehen, nur an das übliche Gegenteil denken. Also am besten gleich an das Extrem, den beliebten Kuppeltyp, der auf seine höchst fragwürdige „orientalische'1 Weise die europäischen Straßenbildcr selbstgefällig unterbricht. Die Sinnlosigkeit dieser Gewohnheit ist, auch von uns, oft bekämpft worden. Nicht zu oft. Denn sie scheint — das zeigt ein Beispiel aus jüngster Zeit, auf das wir noch zurückkommen wollen — unausrottbar. Und daß sie ihre standhaftesten Anhänger ganz besonders unter jenen Juden findet, die sonst für jede Art von Assimilation zu haben sind, macht den Fall fast hoffnungslos. Trotzdem Avird man den Kampf nicht aufgeben, sondern jedes passende Beispiel benützen müssen, um im Grundsätzlichen eine Umkehr herbeizuführen. Schon deshalb sind die beiden Amsterdamer Synagogen ganz besonders willkommen. Wiewohl sonst sehr verschieden und genug betont, erscheinen sie als gesunde Baustücke ihrer Straß enzüge — nicht aber als Fremdkörper, hieher versprengt aus einem theatralisch erfundenen Orient. Und sie sind so geworden, nicht durch eine Einwirkung von außen, sondern unter dem organischen Zwang jener Baukultur, der auch sie angehören. Ich hofTe, man versteht, was ich da meine. Die Sache mit dem Turm mag ihre Richtigkeit haben oder nicht. Darauf kommt es hier nicht an. Lassen wir uns durch noch so sauber beglaubigte Berichte nicht vom Eigentlichen, von den Ursachen des Schaffens ablenken. Die Vorschrift des Bauamtes ist für das Problem, das zur Frage steht, belanglos. Man kann sich den Turm wegdenken, die Lösung der Aufgabe bleibt wesentlich dieselbe. Denn auch dann würde diese Synagoge ein Teil ihrer Straße, auch dann ein Stück vom Stadtganzen, also das dienstwillige Glied einer großen bauhaften Einheit geworden sein, die