Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Article
- Der Mann mit dem feurigen Herzen: Chajes
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 162 (sequence 10)
- Language
- German
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162 MENORAH jocht war — im asiatischen Dominium umherzog, um seinem Volke neues Herz in den Leib einzupflanzen, es gegen Rom aufzuwiegeln. Chajes war ein Politiker im besten Sinne des Wortes, ja noch mehr: ein Staatsmann, dessen Klugheit jedem Kulturstaate zur Zierde gereicht hätte. Gleich zu Beginn seiner Wiener Tätigkeit, einige Wochen vor Beendigung des Krieges, erscheint er beim jungen Kaiser Karl, legt ihm die nationalen Wünsche der österreichischen Judenheit vor und spricht eingehend mit ihm über Palästina und den Zionismus. Der Verlauf der Audienz erregt ungemeines Aufsehen. Sein Streben geht dahin, das Volk zum politischen Denken zu erziehen, denn die Politik sollte nicht das Handwerk von wenigen Auserwählten sein, nein, es müsse Volksgut werden. Als Eckpfeiler der jüdischen Politik — sei es in Palästina, sei es in der Zerstreuung -— betrachtet er den Völkerbund, dessen Ausbau und Vervollkommnung er mit der Zukunft der Menschheit verbunden sieht. Mit Begeisterung greift er die Idee auf, den Gedanken des Völkerbundes im Kreise des jüdischen Volkes populär zu machen. Er nimmt an der Gründung der jüdischen Völkerbundliga teil und stellt gerne seine Kraft und sein Wissen in den Dienst des Verbandes der Minderheitsvölker. Der Gedanke des Völkerbundes ist ihm heilig und da er ein Mann der Unbedingtheit ist, der aufs Ganze geht, spricht er sich gegen die Idee von Paneuropa aus. Es verlohne nicht, meint er, für eine kleine Sache zu kämpfen, wenn das große Ideal — der Völkerbund — gegeben sei. Das angestrebte Ziel müsse immer weit gesteckt sein, dann erst sei es der Opfer und Kämpfe wert. Chajes ist von der politischen Begabung der Juden aufs tiefste überzeugt. Stolz sagt er: „Es gibt überhaupt keine Staatsform, von der alten pharaonischen bis zur amerikanischen, die nicht jüdische Staatsmänner hervorgebracht hätte oder nicht von jüdischen Staatsmännern gefördert worden wäre. Ich bin absolut sicher, daß, wenn uns die Möglichkeit gegeben wird, ein eigenes Staatswesen zu führen, wir nicht nur Staatsmänner hervorbringen, wie sie die anderen Staaten haben, sondern Staatsmänner, die verstehen, daß man die Interessen des eigenen Landes auch mit den Interessen der anderen Länder verbindet, die verstehen, daß man den Frieden nicht vorbereitet, indem man den Krieg vorbereitet, sondern daß man den Frieden vorbereitet, indem man ständig durch tägliche, unaufhörliche Arbeit das Volk zum Frieden erzieht." Tief im Judentum wurzelnd, von der Kultur des Westens erfüllt, mit dem Wissen eines Historikers und der Seele eines Propheten, stellt