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Menorah · 1930-03-01 · Heft 3-4 (März 1930) · p. Seite 157

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 3-4 (März 1930)
Article
Der Mann mit dem feurigen Herzen: Chajes
Date
1930-03-01
Page
Seite 157 (sequence 5)
Language
German
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CHAJES 157 strömt in den wundervollen, intimen Raum der alten Synagoge. Der Gottesdienst nimmt seinen Anfang. Nach einer Weile betritt Chajes die Kanzel. Alles reckt und räuspert sich, dann tritt tiefste Stille ein, alles lauscht mit zurückgehaltenem Atem. Chajes hebt zu sprechen an, als ob er mit mir oder mit dir an einem Tisch säße und über jüdische Dinge redete, ohne Phrasen, ohne jede Spur von Salbung oder pfäffischem Wesen. Niemals bemächtigt sich seiner ein Gelehrtendünkel. Er spricht auch nicht zu „andächtigen Zuhörern'\ nein, er richtet seine Worte an sein Volk. Revolutionierend wirken seine Reden. Es steigt vor mir das Bild des ersten Ghanukkafestes auf, das Chajes in Wien feiert. Da spricht er in der Synagoge von den Makkabäern, die im Laufe der Jahrhunderte durch die Sage vom Öllämplein allmählich in den Hintergrund gedrängt wurden und deren Gestalten nur durch das Verdienst des jungen, mutigen, selbstbewußten Geschlechtes wieder in ihrem vollen Glänze vor uns erscheinen. Auch andere haben sich während des vergangenen Krieges auf die Makkabäer berufen; Juden, die sonst immer erklären, es gäbe kein jüdisches Volk, die Juden seien DeuIsche, Engländer, Franzosen, Polen und so wreitcr, wiesen auf die jüdische Jugend hin, die im Kriege ihr Leben in die Schanze schlug, und riefen aus: „Ihr seid Söhne der Makkabäcr!" Mit welchem Rechte sagten sie dies? Hätten sie nicht, da sie das jüdische Volk verneinen, folgerichtig ausrufen sollen: „Ihr seid Söhne Napoleons oder Radetzkys oder Kosciuszkos!"? Chajes spricht weiter, er greift diejenigen an, die eine Scheidewand errichten zwischen jüdischer Vergangenheit und Gegenwart und die kein Recht haben, als Anwälte des Judentums aufzutreten. Unter den vielen jüdischen Kriegsopfern gibt es eines — sagt er — dem wir keine Träne nachweinen werden. Es ist dies die Auffassung, daß wir kein Volk bilden, bloß eine Konfession, daß wir Deutsche, Franzosen, Engländer, Polen und Magyaren seien und nur in den Kultusstuben, Synagogen und Wohltätigkeilvereinen Juden sein dürfen. Diese Auffassung ist tot, wir tragen sie zu Grabe. Wir wollen Juden sein, immer und überall: nicht nur in der Kultusstube, auch im Parlament, nicht nur in der Synagoge, auch im öllentlichen Leben, nicht nur in Wohlfahrtsvereinen, auch im Staatsrate! In diesem Sinne ist auch das Wort des Psalmisten zu verstehen: Lo hametim jehalleluja, nicht die Toten, nicht die lebenden Leichname haben das Wort, waanachnu newarechja, wir, die sich zum lebendigen Volke bekennen, wir werden sprechen! Eine unendliche Liebe zum angestammten Volke bewegt seine

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