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Menorah · 1930-03-01 · Heft 3-4 (März 1930) · p. Seite 155

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 3-4 (März 1930)
Article
Der Mann mit dem feurigen Herzen: Chajes
Date
1930-03-01
Page
Seite 155 (sequence 3)
Language
German
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C H A J E S 155 Stimmung zu entfachen. Und es gelingt ihm. In der entjudeten Stadt beginnt sich jüdisches Interesse zu regen. Dann brausen die Stürme des Weltkrieges über die Stadt hinweg. Da lauert eine dem Staate feindlich gesinnte Bevölkerung auf den Sturz des morschen, altersschwachen Österreich, ihr steht eine gestrenge Soldateska gegenüber, die die Gewalt an der südlichen Küste der Monarchie fest in der Hand hält. Ghajes geht aber seines Weges, unbekümmert um Stimmungen und Machtverhältnisse. Seine von den Idealen der altjüdischen Propheten durchglühte Seele verabscheut den Krieg und er bringt es nicht über sich, die Wallen des Staates zu segnen und dem Feinde zu fluchen. Er vermeidet es auf das peinlichste, in der Synagoge des Krieges zu gedenken, was bei ihm um so mehr auffallen muß, als er die Übung pflegt, bei seinen Ansprachen die Ereignisse des Tages unterm jüdischen Gesichtswinkel zu betrachten. Er schweigt. Wünsche führender, einflußreicher Persönlichkeiten gleiten an ihm ab. Endlich, angezeigt bei der Obrigkeit, versteht er sich zu einer Konzession: er betet um Frieden. Aber an einem Pessachtage, inmitten des die Stadt umbrandenden Krieges, bricht er am Schlüsse seiner Rede in der Synagoge, zur Bestürzung der Ängstlichen, in den jubelnden Ruf der Sehnsucht aus: „Es lebe die Freiheit!" Inzwischen sucht die große Judengemeinde zu Wien einen geistigen Führer. Nach vielfältigen mißlungenen Versuchen glaubt man, in der Person des Zewi Perez Ghajes den richtigen Mann gefunden zu haben und wählt ihn im Ausklang des Krieges, im Sommer 1918, zum Stellvertreter des greisen Oberrabbiners Dr. Güdemann, mit dem Rechte der Nachfolge. Dieser erklärt: ,,Jetzt sterbe ich ruhig, da ich weiß, daß mein Amt würdigen Händen anvertraut ist." Und in der Tat: nach einigen Wochen nimmt er Abschied vom irdischen Dasein und Chajes wird Oberrabbiner von Wien. Damit wird er Führer des Volkes, weit über die Grenzen einer Stadt und eines Landes hinaus. Als er sein hohes Amt antritt, ist er eigentlich den weiten Kreisen des Volkes so gut wie unbekannt. Sein Name schwebt aber bald auf aller Lippen, zuvörderst in Wien, und nun beginnt eine neue Periode nicht nur in seinem Leben, auch in den Annalen der Wiener Judenheit. Es sei gleich vorweggenommen: keine Periode der Ruhe und des sanften Dahinschlummerns, sondern eines zeitweilig grimmigen Kampfes, der durch das Auftreten und Wirken des Mannes mit dem feurigen Herzen entfacht wurde. „Meinem Volke zu dienen"-—sagt er

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