Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Article
- Der Mann mit dem feurigen Herzen: Chajes
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
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154 MENORAH Schläfenlocken, so kommt man wohl kaum auf den Gedanken, daß sich dieser Mann an der Universität zu Lemberg den Doktorhut holte und eines Sabbals in der Synagoge — es war im Jahre 1830 -— dem verstorbenen Goethe einen Nachruf hielt, was damals ungeheures Aufsehen erregte. Nach einer zeitgenössischen Anekdote soll er dabei von „Rabbi Goethe" gesprochen haben. Sein Enkel, Zewi Perez Chajes, läßt es, wie es dem Nachfahren eines Aufklärers geziemt, nicht mehr bei der traditionellen Art des jüdischen Studiums bewenden. Er lernt wohl auf der Jeschiwa seines Onkels, betreibt aber gleichzeitig Gj-mnasialstudien und besucht hernach in Wien das Rabbinerseminar und die Universität. Vermißt aber auch seine Erziehung die überkommenen Formen des altjüdischen Unterrichtes, dem Inhalte bleibt sie treu. Dank seinem ans Fabelhalte grenzenden Erinnerungsvermögen beherrscht Chajes den ganzen Talmud, hat eine unerhörte Belesenheit im rabbinischen Schrifttum und all das schon in jungen Jahren. Als er Jahrzehnte später zum geistigen Führer der Wiener Judenheit bestellt wird, sagt denn auch sein greiser Meister von ihm: ,,Er war wohl mein Schüler, er kam aber schon als ,talmid chacham', als Gelehrter, nach Wien.*6 Dann geht Chajes nach Florenz, wo sein Landsmann, der geniale Rabbiner Dr. S. H. Margulies, am Werke ist, das einer glorreichen Vergangenheit entrückte italienische Judentum in neue Bahnen zu lenken. Er wird sein eifriger Mitarbeiter, wirkt als Dozent am Collegio Rabbinico, später auch an der Universität und ist die Seele derSocietä Asiatica Italiana. Seine Florentiner Jahre sind zum größten Teil der Forschung gewidmet. In der stimmungsvollen Arnostadt, wo einst seine Ahnen als Kaufherren weilten, lebt der späte Nachkomme meist zurückgezogen in seiner stillen Klause, und läßt es bei seinem Lehramte und seinen wissenschaftlichen Studien bewenden. Es hat den Anschein, als ob er sich in Florenz für ein hohes, weihevolles Amt vorbereite. Ein Jahr vor dem Ausbruch des großen Krieges sagt er Lebewohl der Gelehrtenstube, nimmt die Berufung der Triestcr Judengemeinde zum Oberrabbiner an und damit beginnt sein erster Aufstieg zu seinem späteren Wirken als Führer des Volkes. Die spärlich besuchte Synagoge in der österreichischen Küstenstadt kann ihn nicht befriedigen. Er sucht das Volk mit seiner Seele, beruft es in Versammlungen und Vortragssäle, veranstaltet volkstümliche Vorlesungen, hält Ansprachen, die zunächst spärlich, dann aber immer zahlreicher besucht werden. Er versucht—-wie er später einmal in Wien sagU jüdische