Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Article
- Das Heldenlied von der Nadel
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 136 (sequence 10)
- Language
- German
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136 MENORAH gebern und Arbeitnehmern vor. Nur die große Firma Hart, Schaffner und Marx nahm den Vorschlag an. Mit ihr konferierten die Arbeiterdelegierten. Nach einem Monat war man zu folgendem Vorschlag gelangt: Es sollte ein Schiedsrichlerkollegium eingesetzt werden, das Vollmacht bekam, alle umstrittenen Fragen nach eigenem Gutdünken zu regeln; ein Punkt nur wurde im Voraus festgelegt, nämlich, daß sämtliche Streikenden wieder aufgenommen werden sollten, mit alleiniger Ausnahme jener, die sich Gewalttätigkeiten hatten zu Schulden kommen lassen. Aber die Arbeiter weigerten sich, von einem Vertrag Nutzen zu ziehen, der nur ihnen (den Angestellten der Firma Hart, SchalTner und Marx) allein zugutekommen sollte. Es war ein schönes Zeugnis für das Solidaritätsgefühl der Leute, aber es war doch ein bedauerlicher Schritt, weil mittlerweile leider klar geworden war, daß der heroische Kampf nicht mehr lange andauern konnte. In weiteren sechs Wochen waren die Streiker durch Hunger und Kälte zermürbt und kapitulierten. Die Angestellten von Hart, SchalTner und Marx erreichten gerade durch ihr mannhaftes Auftreten einen Vertrag, der seit damals, mit gewissen Verbesserungen, in Kraft geblieben ist; in vieler Hinsicht einer der besten im ganzen Lande. Die andern Streiker hatten wohl nichts Greifbares gewonnen, aber sie gingen doch aus dem Kampfe mit gestärktem Gruppenbewußtsein und Vertrauen zu sich hervor. Es war ein berechtigtes Vertrauen, denn sie erlangten schließlich ausgezeichnete Kollektivverträge. Der Ghikagoer Streik von 1910 zeigte schon deutlich den Gegensatz, der sich zwischen dem Ausschuß der United Garment Workers (Vereinigte Kleidermachergewerkschaft) und den Arbeitern selbst herausgebildet hatte. Die ungelernten Arbeiter in der Männerkonfektion wurden immer unzufriedener, als sie an dem Beispiel der Damenschneiderinnen merkten, um wieviel besser es auch in ihrer Branche stehen konnte. Sie selbst litten noch immer unter dem Akkordsystem, unter langen Arbeitsstunden und winzigen Löhnen, während die andern das berühmte,,Protokoll" erreicht hatten und damit eine starke und radikal gesinnte Gewerkschaft, allgemeine und gesicherte Anerkennung. Auch der Kollektivvertrag mit Hart, Schneider und Marx regte den Wunsch an, ähnliche Vereinbarungen bei anderen Firmen durchzusetzen. Die Agitation für eine Änderung der Taktik wuchs, besonders in New York. Im Dezember 1912 ließ die United Garment Workers eine Rund-