Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Article
- Das Heldenlied von der Nadel
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 135 (sequence 9)
- Language
- German
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DAS HELDENLIED VON DER NADEL 135 Am 22. September legten die Arbeiter von Hart, Schaffner und Marx die Arbeit nieder, am nächsten Tag war die Zahl der Streikenden auf tausend angewachsen, und jetzt verbreitete sich der Streik rapide von Mann zu Mann. Man erzählte einander auf dem Markt beim Einkaufen davon, man gab die Parole durch Söhne und Töchter in andern Branchen weiter, und auf diese Weise, ohne daß eine Leitung dagewesen wäre, verließen im Laufe von drei Wochen 40.000 Arbeiter der Männerkonfektion ihre Arbeitsstätten. Mitte Oktober war die ganze Industrie lahmgelegt. Von allem Anfang an war die Öffentlichkeit für die Streikenden. Als die Polizei einseitig und brutal gegen sie vorging, gab es vollends niemanden mehr, der ihnen seine Sympathie vorenthalten hätte. Fast täglich kamen bewaffnete Angriffe von seilen der Streikbrecher vor. Täglich ereigneten sich Krawalle und Arretierungen. Im Dezember wurden zwei junge polnische Streiker von der Polizei erschossen, und die Trauerfeiern gestalteten sich zu feierlichen Kundgebungen von Tausenden. Die Unterstützung seitens der United Garmenl Workers (Vereinigte Gewerkschaft der Kleidermacher) war eine sehr matte. Beinahe wäre es besser ohne sie gegangen. Dagegen leistete die Chikago Federation of Labor (Arbeiterföderation) wesentliche Hilfe und der Präsident Fitzpatrick, ein Ire, widmete dem Streik seine ganze Zeit. Bald zeigte es sich, daß man ohne ein organisiertes Hilfssystem nicht durchhalten konnte. Es wurden Kommissariats-Warenhäuser eröffnet, wie sie während der Streiks der Bergleute und der Bauarbeiter so gute Dienste geleistet hatten. Man kaufte im großen und gab statt Geldhilfe Waren aus. Ferner gab es Mittagsstationen für Streikposten. Ein besonderes Komitee beschäftigte sich mit den Fragen der Mietzinse und Delogierungen. Die Gasanstalt erklärte sich bereit, den Streikenden die Gasrechnungen zu stunden. Zehn Wochen lang erhielten die Streikenden auf Namen lautende Karten, mittels derer dreitausend von ihnen eine Mahlzeit täglich bekamen; diese waren vom Jewish Workingmen's Gommittee (Jüdisches Arbeiterkomitee) ausgegeben worden, das im ganzen etwa 35.000 Dollar zu den Kosten des Streiks beitrug. Aber es lief auch Geld von den verschiedensten Seiten ein: von Klubs, Kirchen, Gewerkschaften, Einzelpersonen, Zeitungen, Haussammlungen, Geschäften. Am 28. November beschloß der Stadtrat von Chikago, die Vermittlungsversuche aufzunehmen. Ein besonders zu dem Zwecke ernannter Ausschuß schlug eine gemeinsame Konferenz von Arbeit-